Wie hilft man verbitterten Menschen?

Ratgeber-Glauben

Heute Morgen nach dem Gottesdienst sagte eine 81-Jährige zu mir, dass sie kein Vertrauen mehr zu Gott habe. Als ich ihr versprach, für sie zu beten, stieß sie nur die Worte hervor: „Mir gleich! Das hilft ja doch nichts.“ Was soll man da noch tun?

Pater Eugen Rucker SVD aus: Stadt Gottes Oktober 2006

Hier sind Ehrfurcht und Weisheit gefordert. So ist zunächst Ruhigbleiben und Nichtssagen das Beste. Man hat Zeit zum Nachdenken und Demütigwerden. Nachdenken, weil man sich nie ganz in einen anderen hineindenken kann. Demütigwerden, weil eine solch alte Frau zweifellos viel stärker geprüft ist als man selber, Und weil man nie weiß, ob man sich unter solchen Bedingungen als Christ bewähren würde; weil man einsehen lernen muss, dass über jedem von uns Schicksalsmächte über Glück und Unglück entscheiden, hinter denen den guten Gott zu entdecken oft viel, viel Glauben erfordert, also Gnaden, die nicht selbstverständlich sind.

Dazu sehen wir uns bei einer solchen Begegnung veranlasst, uns selbst zu sagen: Sei auf der Hut! Halte im treuen Gebet guten Kontakt mit dem lieben Gott, dass du nicht in eine solche Isolierung und Einsamkeit schlitterst, wenn es dir einmal schlecht geht.

Aber nun zurück zu Ihrer Frage: Wie soll ich reagieren? Vorläufig nichts sagen, aus Respekt vor der Entscheidung und Lebensauffassung dieser Unglücklichen. Dann sich mit einem allgemeinen „Alles Gute!“ verabschieden, sie aber dann nicht vergessen, sondern sie täglich ins Gebet einschließen und ihre körperliche und seelische Not vor Gott tragen. Dann aber auf eine Gelegenheit warten, wo Sie vorsichtig versuchen können, den „glimmenden Docht“ in ihrem Herzen wieder zum Aufleuchten zu bringen. Sehr zurückhaltend, ohne jeden Predigerton, ohne die Überlegene und Gescheitere zu spielen und nur langsam sich der seelischen Wunde dieser Seniorin nähern: Früher gemeinsam erlebte schöne Dinge zum Thema des Gesprächs machen, über in Erfahrung gebrachte Möglichkeiten der Milderung ihres Leids sprechen; sich über die Weise, wie andere Leidende mit ihren Problemen fertig werden, unterhalten ...

Bei all dem aber nie ein zu starkes Bedauern zum Ausdruck bringen und diese Frau zum Selbstmitleid verführen. Dadurch wären auch wir in Gefahr, ans Dunkle und Negative fixiert zu werden. Man kann auch hilfreiche Lektüre mitbringen, um sie mit den so zahlreichen Lebensgeschichten der großen christlichen Leidensträger bekannt zu machen: Elisabeth v. Thüringen, Anna Schäffer, Edith Stein, Maximilian Kolbe und andere, oder sie sogar dafür zu erwärmen, bewusst in das Apostolat des Leidens und des sühnenden Opfers einzutreten.

In stadtgottes Dezember 2006, Seite