Warum schickt Jesus "in die äusserste Finsternis"?

Ratgeber-Glauben

Im Evangelium ist die Rede von einem Mann, der kein Hochzeitsgewand trug. Da heißt es: „Jesus sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen.“ Jesus schickt ihn „in die äußerste Finsternis“, wo Heulen und Zähneknirschen herrscht (Mt 22,12-13). Bei so einem Gleichnis kann einem angst und bange werden. Ist das nicht ungerecht und willkürlich diesem Mann gegenüber?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes März 2007

In der Tat, ein Gleichnis mit viel Gewaltanwendung, wenn vorher schon die Stadt der Mörder in „Schutt und Asche“ gelegt wird (22,8). Man fragt sich, ob es dann nicht besser gewesen wäre, so eine Einladung gar nicht erst auszusprechen.

Drei Grundregeln, wie Gleichnisse ausgelegt werden wollen, können da vielleicht weiterhelfen: 

  1. Es gibt keine einzig richtige Auslegung eines Gleichnisses, sondern wegen ihrer Bildsprache muss ihre Interpretation immer offen bleiben. Die Gleichnisse wollen einen Prozess in uns in Gang bringen, wo Erstaunen und Erschrecken ihren Platz haben. Gleichnisse sind nicht einfach nur erbauliche Geschichten, über die man unbeteiligt meditieren kann, sondern sie wollen uns in die Geschichte verwickeln und so zur Stellungnahme herausfordern. 
  2. Die Gleichnisse gebrauchen Bilder, die aber nicht als realistische Beschreibungen zu sehen sind. Sie verweisen auf etwas, das nur schwer auszudrücken ist: das Reich Gottes hier auf Erden und in der jenseitigen Welt. Um nicht ganz schweigen zu müssen, werden Bilder gebraucht, die aber auch nur Bilder sind und eben keine exakten Beschreibungen. Die Gleichnisse dürfen deshalb weder als biblische Beweise zum Beispiel für die Existenz einer Hölle noch als Beschreibungen des Jenseits wörtlich genommen werden. 
  3. Nicht alles im Gleichnis ist wörtliche Rede Jesu, oftmals sind die Erfahrungen der Gemeinde mit diesem Gleichnis, die Reaktion der Hörer oder Leser mit in das Gleichnis eingegangen. Wir haben hier also oftmals Rede Jesu und Reaktion der Gemeinde in einem Text vereinigt, weshalb nicht alles im Gleichnis als Wort Jesu gleichermaßen bedeutsam ist.

Für das angefragte Gleichnis könnte es bedeuten, dass dieser Mann, der kein Hochzeitsgewand trug, eigentlich gar nicht richtig mitfeiern wollte. Er trägt seine Alltags- und Arbeitskleidung als Ausdruck seiner Lebenseinstellung: Ich muss mir etwas erarbeiten, mir wird nichts geschenkt, selbst bei Gott, selbst im Reiche Gottes nicht. Die menschliche Leistung ist bei so einer Lebenseinstellung das Maß aller Dinge. Im Reiche Gottes liegen die Dinge aber anders: Hier ist Gott der Einladende, er schenkt uns ein Fest und alles, was dazugehört. Der Mensch ist gerufen, sich das alles von Gott schenken zu lassen, selbst das Festtagsgewand, um so mitfeiern zu können. Um diese Sinneswandlung geht es: alles, was das Leben ausmacht und bietet, als Gottes Gabe und Geschenk zu empfangen. Auch ist hier die Gefahr angesprochen, dass sich die Festlichkeit des Reiches Gottes verflüchtigt in alltägliche Banalität und Kleinkram, wo Gott überhaupt keine Rolle mehr spielt. Alles dies als eine mögliche Interpretation; wichtiger jedoch: Jeder ist gerufen, sich in dieses Geschehen hineinziehen zu lassen und Stellung zu beziehen – nicht so sehr mit einer Interpretation, sondern eher mit und in seinem Leben, das dankbar und vertrauend aus Gottes Gabe lebt.

In stadtgottes Dezember 2007, Seite