Wie geht das – ganz im Augenblick leben?

Ratgeber-Glauben

Immer wieder kommt es zu Missverständnissen und anderen Kommunikationsproblemen zwischen mir und meiner Frau, aber auch zwischen mir und meinen Freunden und Kollegen, obwohl ich es wirklich gut mit ihnen meine. Ich denke, das kommt zum größten Teil daher, dass ich immer, wenn ich mit ihnen rede oder sonst in Kontakt trete, mit meinen Gedanken ganz woanders bin. Ich bin also nicht da, wo sie jetzt sind. Ich bin ihnen nicht wirklich nahe. Kann das sein? Und wie kann ich das ändern?

Pater Franz-Josef Janicki SVD aus: Stadt Gottes November 2008

Mein Kompliment! Sie haben eine gute Selbstbeobachtungsgabe! Das ist durchaus so, wie Sie das empfinden. Für uns Menschen ist es überhaupt ein Riesenproblem, ganz im Jetzt und in der Gegenwart zu leben. Unsere Aufmerksamkeit und unsere damit gegebene „Geistesgegenwart“ sind sehr begrenzt. Ständig schweifen wir aus ganz unterschiedlichen Gründen von dem ab, dem unsere Konzentration gilt. Ganz selten gelingt es uns, dass wir mit unserer ganzen personalen Kraft da gegenwärtig sind, wo wir zu sein vorgeben oder sein sollten. Das gilt es, ganz grundsätzlich zu akzeptieren, damit wir uns selbst und einander in unserem Wunsch nach einer guten Kommunikation nicht überfordern und etwas verlangen, was so gar nicht möglich ist.

Diese Bemerkung soll aber nicht von der folgenden Beobachtung ablenken oder sie entschuldigen. Viele Kommunikationsprobleme entstehen tatsächlich dadurch, dass wir nicht annähernd im Jetzt der Begegnung leben. Damit signalisieren wir aber unserem Gegenüber, obwohl wir es gar nicht wollen: „So wichtig bist du mir gar nicht, etwas anderes ist mir im Moment wichtiger!“ Das empfindet natürlich unser Gegenüber als eine Missachtung seiner eigenen Person. Das hält selbstverständlich auf die Dauer niemand aus. Sie/er wird dagegen mit oder ohne Worte protes-tieren. Dieser Protest, der dann meist als negativ empfunden wird, ist aber nichts anderes als ein Aufruf an den Kommunikationspartner, sich in das Jetzt der Begegnung zurück zu begeben. Wenn er das tut, gelingt auch die Kommunikation besser.

Damit dieser Prozess vorankommt, ist ständige Übung angesagt. Diese Übung aber ist eine Lebensaufgabe. Leben in der Gegenwart, Leben im Jetzt, Leben im Augenblick ist aber nicht nur hier gefordert, sondern in allen Lebenslagen.

In stadtgottes Dezember 2008, Seite