Sind lange Lippengebete nicht heidnisch?

Ratgeber-Glauben

Jesus stellt doch in der Bergpredigt das kurze, vertrauensvolle Beten in deutlichen Gegensatz zum Gebetsgeplapper der Heiden. Bedeutet das stundenlange Rosenkranzbeten vieler Frommer nicht einen Rückfall ins Heidentum?

Pater Eugen Rucker SVD aus: Stadt Gottes Dezember 2008

Das scheint tatsächlich so, wenn man von Jesu scharfer Verurteilung jener Schriftgelehrten liest, deren sich lange hinziehende Gebete für gut zahlende Witwen ein öffentliches Ärgernis waren (Markus 12,40).

Aber Jesus, der Nächte durchbetet hat, hat auch die Seinen aufgefordert, „immerfort zu beten und darin nicht lau zu werden“ (Lukas 18,1). Im anschließenden Beispiel ist die Bitte um die baldige Errichtung der Gerechtigkeitsordnung auf Erden das Thema, also der Kern der ersten drei Vaterunser-Bitten. Gottes Reich in der Welt will erbeten sein. Als Junge hat Jesus wohl sicher den Psalm 119 mit seinen 176 Strophen oft gebetet.

Dieser Psalm ist ein unaufhörliches Kreisen um das heilige Wort Gottes, in dem allen Erlösung angeboten wird. Auch Paulus fordert seine Kirchen wiederholt auf, „immerfort zu beten“. Gemäß dieser Aufforderung machte die Ostkirche das ständige Wiederholen eines heiligen Wortes zu einer der Säulen ihrer Spiritualität. Wer diese wiederholten Kurzgebete spricht, bleibt nicht an den Einzelworten hängen. Sie werden ihm Sprossen einer Leiter, auf der sein Geist unaufhörlich nach oben steigt, Holzscheite für eine Flamme in seinem Herzen, die mit jedem wiederholten Wort höher emporschlägt.

Dasselbe gilt nun auch für die vielen Ave-Marias der Westkirche. Über dem Fließen der Einzelworte erhebt sich die innere Schau auf eine biblische Szene. Darin tritt die Größe Gottes und das unauslotbare Geheimnis der Liebe Christi samt der eigenen Zuversicht auf die ewige Freude bei Gott vors Auge der Seele. Und dieses Betrachten lockt eine große Sehnsucht hervor: nach der Verherrlichung Gottes, nach dem Kommen einer besseren Welt, nach stetem Wachsen im Glauben, Hoffen und Lieben, in Demut, Geduld und Dankbarkeit, vereint mit der Muttergottes und allen Menschen guten Willens.

„Lange Lippengebete“ werden zum Atmen der Seele. Und wenn man dem Toten seinen Rosenkranz um die gefalteten Hände schlingt, hofft man, dass ihm dieses Atmen auch in der anderen Welt möglich werde.

In stadtgottes Dezember 2008, Seite