Handelte Jesus unter Zugzwang?

Ratgeber-Glauben

Im II. Hochgebet heißt es bei den Wandlungsworten: „... und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf ...“ Jesus selbst aber betete am Ölberg: „... aber nicht wie ich will, sondern wie du willst (Mt 26,39). War Jesus wirklich frei in der Passion oder stand er nicht mehr oder weniger unter Zugzwang?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Juni 2008

„Sich aus freiem Willen unterwerfen“, hat das nicht etwas Selbstquälerisches an sich, das mit unserem heutigen Selbstverständnis von Menschenwürde gar nicht vereinbar ist? Aber: Unsere Vorstellung von Freiheit und freiem Willen geht oftmals mit Beliebigkeit und Willkür einher. Freiheit besteht dann darin, tun und lassen zu können, „was man will“. Diese Beliebigkeit ist letztlich menschenschädigend, wie sich in der Geschichte immer wieder gezeigt hat. Wenn Jesus in freiem Willen den Willen des Vaters tut, dann möchte er darin deutlich machen, dass wahre Freiheit immer nur in Beziehung geschieht. Die biblische Rede vom Willen Gottes bezieht sich vor allen Dingen auf die Thora, dem Gesetz des Herrn als Lebensweisung, die zum guten Leben hilft, wie sie exemplarisch in den Zehn Geboten (Ex. 20, 1-17) zum Ausdruck kommt. Jesus sieht sich – gerade im Matthäusevangelium – als der Erfüller der Thora. Wenn er den Willen des Vaters tut, dann tut er den Willen dessen, der gutes Leben will, sogar in dieser Leidensgeschichte. Gottes Willen tun heißt daran mitwirken, dass sich in der Geschichte Gottes mit den Menschen sein Lebens- und Liebeswille durchsetzen möge. Dafür „braucht“ der Vater den Sohn, dass er seine Liebe bis zum Letzten durchlebe und durchleide, und so der Liebe Gottes gegen „Tod und Teufel“ einen unbestreitbaren Platz in der Geschichte der Menschen sichere – für alle Zeit. In dieser Geschichte bleibt Jesus einerseits als Person dem Vater gegenüber selbstständig Handelnder – „in den Personen die Verschiedenheit“, so betet die Kirche in der Liturgie des Dreifaltigkeitsfestes –, zugleich ist er sich mit dem Vater darin völlig eins, dass die Welt, die unter der Macht von „Tod und Teufel“ steht, diesen seinen Tod aus Liebe braucht. Wenn es denn dann einen „Zugzwang“ gab, dann den Zugzwang der Liebe. Wenn Jesus darum bittet, dass dieser Kelch vorübergehe, dann macht er dadurch deutlich als wahrer Mensch, dass er als wahrer Mensch Angst hat vor dem Leiden und dem Tod und Leiden und Tod als solches nicht will. Damit ist aller vordergründigen, auch spirituellen Leidensverherrlichung ein Riegel vorgeschoben. Das Leiden und der Tod sind die Konsequenzen, mit denen jemand rechnen muss, wenn er sich so vorbehaltlos auf Gott und die Menschen einlässt, wie Jesus es getan hat. Die Märtyrergeschichten sind dafür ein beredtes Zeugnis. Ja, Jesus ist völlig frei, wenn er sich so auf Gott und die Menschen einlässt, zugleich ist er sich darin mit dem himmlischen Vater völlig einig, dass die Welt nur so erlöst werden kann. Wir müssen diese Spannung durchhalten: völlig frei zu sein jemandem gegenüber und doch völlig eins zu sein mit ihm. Es ist letztlich die Spannung, die charakteristisch ist für wahre Liebe. Und zugleich ist das die wahre Freiheit, wie sie typisch ist für ein christliches Menschenbild: nicht einfach nur tun und lassen zu können, was man will, sondern als eigenständige Person selbstbestimmt und selbstbewusst einem Größeren zu dienen und so am „Heil der Welt“ mitzuwirken.

In stadtgottes Dezember 2008, Seite