Bibel: Warum ein Bücherverbot?

Ratgeber-Glauben

Was ist eigentlich von den „verbotenen Evangelien“ zu halten, den Apokrypten? Warum sind sie nicht ins Neue Testament aufgenommen worden?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Oktober 2009

Die Apokryphen (übersetzt: Geheimschriften, weil in ihnen angeblich geheimes Wissen über Jesus und andere biblische Personen, vor allem die Gottesmutter Maria zu finden sei) wurden erst im 4. Jahrhundert verboten. Dem war ein langwieriger Prozess in den Gemeinden vorausgegangen. Die ersten christlichen Generationen haben diese Schriften, die bisweilen auch im Gottesdienst vorgelesen wurden, sehr bald ausgeschieden, weil sie merkten, dass in ihnen nicht der nüchterne echte Glaube zur Sprache kam, sondern eher eine pseudoreligiöse Neugier befriedigt werden wollte, so zum Beispiel mit Berichten über eine wundersame Kindheit Jesu oder aus dem Leben von Maria und Josef. Diese Evangelien wurden in den ersten drei christlichen Jahrhunderten verfasst. Auch nach dem ausdrücklichen Verbot waren diese Quellen weiterhin zugänglich und spielten vor allen Dingen in der Erbauungsliteratur eine große Rolle. Das Fest Mariä Opferung (21. November) und manches aus der Marienfrömmigkeit geht auf solche Schriften zurück. Den Aussortierungsprozess zwischen den Schriften, die wir heute als biblische Schriften betrachten, und den anderen nennen wir Kanonisierungsprozess. Die Festlegung des Kanons, was also zu den biblischen Büchern gehört und was nicht, ist das wichtigste Ergebnis. Wir können heute sagen, dass die Festlegung des biblischen Kanons mit dem 3. Jahrhundert abgeschlos sen war, auch wenn der Klärungsprozess bezüglich bestimmter Bücher (Hebräerbrief, Offenbarung des Johannes) bis ins Mittelalter andauerte. Definitiv festgelegt wurde der Kanon für die katholische Kirche 1546 auf dem Konzil von Trient. Aus den apokryphen Schriften können wir etwas über die Kultur und Literatur der ersten christlichen Jahrhunderte erfahren. Insofern können sie uns helfen, die biblische Botschaft gerade auch in ihrem Unterschied zu ihrer Umwelt besser zu verstehen. Auch manche Motive der christlichen Kunst gehen auf die Apokryphen zurück. Eine Bedeutung hinsichtlich des Inhaltes der Offenbarung haben sie jedoch nicht: Wir erfahren aus ihnen nichts, was für den Glauben wichtig wäre. Im Gegenteil, oftmals enthalten sie häretische Inhalte, die also im Widerspruch zur offiziellen Lehre stehen. So stellen sie meistens die wahre Menschheit Jesu und damit die Menschwerdung Gottes in Frage. Dennoch: Bei aller Hochschätzung der Bibel ist die christliche Religion keine Buchreligion (im Unterschied zum Islam), sondern eine Personreligion, weil sie sich selbst durch alle Zeiten aus der lebendigen Gegenwart des auferstandenen Herrn begründet. Dass diese Gegenwart immer wieder mit dem Ursprung verbunden bleibt, dafür ist die Bibel – gelesen und gehört, ausgelegt und gelebt in der Gemeinschaft der Kirche – eines der wesentlichsten Elemente. Die entscheidende Glaubensvermittlung geschieht jedoch nicht einfach durch die Lektüre eines Buches, sondern durch lebendige Menschen, die an den auferstandenen Herrn in ihrer Mitte glauben und der durch die Worte dieses Buches zu ihnen spricht.

In stadtgottes Dezember 2009, Seite