Sind Glaubenszweifel Sünde?

Ratgeber-Glauben

Immer wieder überfallen und schrecken mich Glaubenszweifel. Ich möchte am Wahren festhalten, bin im Gefühl aber verunsichert und verwirrt. Ist das Sünde?

Pater Eugen Rucker SVD aus: Stadt Gottes November 2009

„Von Zweifeln ist mein Leben übermannt; mein Unvermögen hält mich ganz gefangen“, so singen wir im „Gotteslob“. Was hier zum Ausdruck kommt, ist kein Sündenbekenntnis, sondern eine Not, eine Versuchung, wie sie auch Jesus zu durchleiden hatte. Unser Glauben hat in einer Welt zu überleben, in der weithin die Wirklichkeit Gottes grundsätzlich ausgeklammert oder sogar ausdrücklich geleugnet wird. Die Kirche weiß um diese „Gottesfinsternis“ und formulierte im letzten Konzil: „Der Mensch kann das ewige Heil erlangen … auch wenn er, ohne Schuld, nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen ist.“ Besonders sind es die modernen Naturwissenschaften, die wache Zeitgenossen irritieren. Nicht jeder kann die Erfahrung des Physik-Nobelpreisträgers Werner Karl Heisenberg machen. „Als ich begann, aus dem Becher naturwissenschaftlichen Forschens zu trinken, schmeckte ich zunächst Atheismus. Erst als ich zum Grund des Bechers kam, zeigte sich mir die Realität des unsichtbaren persönlichen Gottes.“ Der Schöpfer von allem Sichtbaren versteckt sich hinter allem Einzelnen, weil er, der Eine, alles in sich trägt. Zweifel in Form von Unsicherheitsgefühlen sind eine Herausforderung für uns, die Wirklichkeit dieses Einen immer neu zu ertasten – und zu erbeten; denn Glaubenkönnen ist Gnade. Wem die Stimme im Tiefsten seines Herzens, die ihn zum Gutestun einlädt und danach lobt, oder, wenn er ihr nicht gefolgt ist, Unruhe und Trauer bringt, rührt an das Geheimnis Gottes. Ähnlich führt uns das spontane Dankenwollen für ohne Verdienst Geschenktes zu einem uns unsichtbaren Ursprung, zu einer grundsätzlichen Offenheit für das Dasein Gottes. Es muss in uns eine anfängliche Sympathie mit dieser alles umfassenden Realität bestehen. Der Kirchenlehrer Thomas von Aquin sagt mit Recht: „Glaube ist liebebeseelt.“

In stadtgottes Dezember 2009, Seite