Beim Beten bin ich zu zerstreut

Ratgeber-Glauben

Beten und Ablenkung

P. Eugen Rucker SVD aus stadtgottes Januar 2010

In früheren Jahren gelang mir das Beten trotz der vielen Arbeit ziemlich gut. Aber jetzt im Alter, wo ich zum Beten mehr Zeit hätte, bin ich zerstreut, kaum dass ich angefangen habe. Was mache ich falsch?

Was Sie erfahren, geschieht vielen Gläubigen im Alter – und nicht den schlechtes - ten. Die Konzentrationsfähigkeit und Vorstellungskraft gehen zwar mit der Vitalität zurück, dafür sind wir aber zu einer neuen, besseren Weise des Betens, der Gottesnähe, gerufen. Als Jüngere haben wir Zeitpunkt, Länge, Art und Inhalt unseres Betens selbst bestimmt, waren aktiv, indem wir Gott – oft von spürbarem Erfolg beflügelt – in unseren Alltag hineinzuziehen bemüht waren. In der altersentsprechenden Weise des Gebetskontaktes wird Gott nun der Aktive, Er, in dem wir ja „leben, uns bewegen und sind“. Diese neue Art des Gebetskontaktes mit dem großen Gott braucht weniger lange Wortfolgen, in denen wir eisern bestimmte Inhalte durchhalten. (Der aus dem Herzen gebetete Rosenkranz macht da eine Ausnahme.) Dadurch, dass wir Ältere beim Herabbeten unserer Formeln frustriert sind und leer bleiben, zeigt uns der Heilige Geist, dass wir Gott selbst, aus der Tiefe unseres Seelengrundes, wirken lassen sollen. Unsere Leere und Hilflosigkeit ist es, die Den in uns hereinkommen lässt, in Dem wir atmen und hoffen. Wesentlich für diese Art zu beten ist das kurze Gebetswort, das ,Herzenswort‘, das mit unserem Ich immer mehr verschmilzt, Tag und Nacht wiederholt, am Anfang und Ende einer Beschäftigung, beim Eintreten und Verlassen des Zimmers oder der Wohnung, beim Innewerden eines Versagens, vor jeder Art des Essens und Trinkens, vor und nach einem Telefonat, zu Anfang und am Ende einer Zeitungslektüre, wenn wir irgendwo warten gelassen werden. Jede der sieben Vaterunser-Bitten kann zu so einem ,Herzenswort‘ werden. So sind es eigentlich nicht mehr wir, die sich auf Gott konzentrieren, sondern Er ist es, von dem wir uns tragen lassen. Trotzdem würde ich Ihnen ein Stündchen Einkehr gegen oder am Abend empfehlen, wo Sie, ohne Medienkonsum oder Gerede um Seiner selbst willen still bei sich bleiben, das Geschehene betrachtend, fürs Gute dankend, um einige gute Worte kreisend.

In Ausgabe 11-2010, Seite