Christus anbeten – ist das erlaubt?

Ratgeber-Glauben

Christus anbeten

P. Hans Peters SVD stadtgottes Juli 2010

Die Zeugen Jehovas sagen, dass man Christus nicht anbeten dürfe. Christus selbst habe gelehrt, dass man nur den Vater anbeten dürfe. Dürfen wir also Christus anbeten?

Ja, wir dürfen und sollen Christus anbeten. Auch wenn Jesus zeit seines Lebens die Menschen immer auf den himmlischen Vater verwiesen hat, so hat er doch Dinge getan, in denen er sich Gott, seinem Vater, gleichgestellt hat. Das wird vor allem in den Gastmählern mit den Sündern und in der Vergebung der Sünden sichtbar. Damit hat Christus Gottes Stelle eingenommen, denn im jüdischen Denken war die Sündenvergebung radikal Gott vorbehalten: So werde der kommende Messias zwar alle möglichen Wunder tun und heilen, aber die Sündenvergebung bleibt allein Gott selbst vorbehalten. Verständlich, dass der Anspruch Jesu, an Gottes Stelle zu handeln, der Hauptgrund für seine Verurteilung war. Für die Zeugen Jehovas ist Jesus nicht Sohn Gottes, dem Vater wesengleich. Ihre Offenbarung beruht auf rein persönlichen Auffassungen ihres Gründers Charles T. Russel. So sehr für ihn der Ausgangspunkt ein christlicher ist, so sehr und noch mehr aber entfernt er sich sehr bald von den christlichen Grundlagen: Jesus wird eindeutig dem Vater untergeordnet, die Dreifaltigkeit gilt als heidnische und unbiblische Erfindung, weshalb es auch keine Taufe auf den dreifaltigen Gott gibt. Die Zeugen Jehovas sind somit nicht als christliche Gruppierung anzusehen, sie gehören nicht dem Ökumenischen Weltrat der Kirchen an. Und ein Gespräch ist wegen ihrer „wörtlichen“ Bibelauslegung praktisch nicht möglich. Die Anbetung Jesu hat auf jeden Fall ganz deutlich in den Berichten über die Auferstehung ihren Platz. Hier wird immer wieder erwähnt, dass die Jünger vor ihm niederfielen (Mt 28,17 u. a.). Dieses Niederfallen – proskynein im Griechischen – ist das Symbol für Anbetung. Jesus gebraucht dieses Wort in der Erwiderung an den Teufel, wenn er ihm sagt: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen“ (Lk 4,8). Genauer übersetzt könnte man sagen: Du sollst dich anbetend niederwerfen. Dasselbe Wort wird in den Auferstehungsberichten auf Jesus bezogen, was besagt, dass die Jünger den Herrn angebetet haben (Mt 28,9–17 u. a.). Die Auferstehungsberichte spiegeln also auch schon die Praxis der jungen Gemeinde wider, für die es selbstverständlich war, den Auferstandenen in ihrer Mitte anzubeten. In der katholischen Tradition hat diese Anbetung vor allen Dingen in der eucharistischen Anbetung ihre unaufgebbare Ausfaltung erfahren. Aber mit allen anderen christlichen Kirchen sind wir uns darin einig, dass christlicher Gottesdienst und christliches Leben ohne die Anbetung Christi zu einer philosophischen Lehre über Gott und die Welt werden würde. Christus wäre nicht mehr der Ort, an dem Gott selbst sich unwiderruflich gezeigt hat. Genau das aber glauben Christen: In Jesus ist Gott, wer mit Jesus in Gemeinschaft ist, ist mit Gott in Gemeinschaft.

In Ausgabe 11-2010, Seite