Mein Glaube kommt mir wie Heuchelei vor

Ratgeber-Glauben

Glaube und Verankerung

P. Eugen Rucker SVD aus stadtgottes März 2010

Manchmal bin ich nicht so recht überzeugt von dem, was mir da von der Religion vorgestellt wird. Was mache ich falsch?

Glauben ist mehr als ein Überzeugtsein im Sinn irdischer Sicherheiten. Beim Bilden einer Überzeugung über irdische Wirklichkeit sammle ich viele Erfahrungen und Informationen, sammle mich in meiner eigenen Mitte und ruhe ganz in meinem Ich-Bewusstsein. Im Glauben an Gott bin ich auch ganz bei mir, muss mich aber in diesem Bei-mir-Sein loslassen; ich muss mich dem ausliefern und von dem abhängig erklären, dessen Realität ich mich öffne. Glauben ist ein Selbst-Drangeben und Wagen; denn ich habe das noch nicht, was mir von Gott her angeboten wird; ich muss nur das tun, was dieses Absolute über mir von mir getan haben möchte, geduldig hoffend. Und weil ich Ihm gegenüber ganz frei bin, muss sich in der Tiefe meiner Seele eine Bereitschaft des Wohlwollens bilden. Ohne diese keimhafte Liebe zum verborgenen Gott, ohne dieses Senfkörnchen anfänglicher Sympathie kann die große Chance meines kurzen Lebens, mit Gott vertraut zu werden, nicht genutzt werden, sodass ich mit Paulus immer überzeugter sagen konnte: Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe. Aber dieses selige Wissen muss stets neu begleitet sein von dem Psalmwort „Führe mich auf den Felsen, der mir zu hoch ist“ (61,3). Der Keim meiner ursprünglichen Gottessympathie und das Ausharren bei dieser Realität, die von mir nicht manipuliert werden kann, ist reine Gnade von eben dem, dem ich glaube. Diesem demütig geglaubten Unbegreiflichen treu zu bleiben, ist alles andere als Heuchelei, die für Jesus verabscheuungswürdigste Fehlhaltung von Frommen, die vorgeben, die Sache Gottes zu tun, aber nur auf Geld, Ansehen oder Herrschen aus sind und sich für die Wirklichkeit des wahren Gottes nie geöffnet haben.

In Ausgabe 11-2010, Seite