Ist die Hölle abgeschafft?

Ratgeber-Glauben

Hölle im heutigen Zeitverständnis

P. Hans Peters SVD aus stadtgottes Februar 2010

Warum wird heute in der Kirche nicht mehr von der Hölle gesprochen? In unserer Kindheit und Jugend wurde viel davon geredet.

Die theologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte war vor allen Dingen durch eine Neuentdeckung Jesu gekennzeichnet, die einherging mit der Konzentration auf die entscheidende Mitte seiner Verkündigung, nämlich der Zusage der voraussetzungslosen Liebe Gottes zu allen Menschen. Erst von dieser Mitte her bekommen alle anderen Inhalte seiner Verkündigung den richtigen Stellenwert. Die Hölle befindet sich nicht in dieser Mitte. Wenn Jesus vom „Feuer der Hölle“ spricht, greift er gängige Vorstellungen seiner Zeit auf, die als Bildworte verstanden werden wollen und nicht als exakte Beschreibung von Jenseitszuständen. Für ihn sind besonders die verweigerte Nächstenliebe und der geistliche Stolz, wie er sich in einer rechthaberischen Frömmigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten zeigt, Anlass, von der Möglichkeit der Hölle zu sprechen, des endgültigen Verschließens des Menschen für Gott. Hier schließt Jesus an die prophetische Drohpredigt aufgrund der Verletzung der Gerechtigkeit gegenüber den Schwächeren und Armen an. Papst Benedikt drückt es in der Hoffnungsenzyklika so aus: „Es kann Menschen geben, in denen alles Lüge geworden ist; Menschen, die dem Hass gelebt und die Liebe in sich zertreten haben. (...) Manche Gestalten gerade unserer Geschichte lassen in erschreckender Weise solche Profile erkennen. Nichts wäre mehr zu heilen an solchen Menschen, die Zerstörung des Guten unwiderruflich: Das ist es, was mit dem Wort Hölle bezeichnet wird.“ So heißt von der Hölle reden immer auch von menschlicher Freiheit reden. Gott zwingt niemanden in den Himmel. Zugleich müssen wir sagen, dass wir von niemandem definitiv wissen, ob er in der Hölle ist. Auf jeden Fall darf es nicht geschehen, dass durch Höllenpredigten ängstliche Menschen noch ängstlicher werden und die Wehrlosen noch wehrloser. Die christliche Predigt der Umkehr muss immer der Versuchung widerstehen, Menschen durch Angst zu entmündigen. In diesem Punkte ist viel gesündigt worden. Hier liegt nach dem II. Vaticanum auch eine der Ursachen für den Atheismus unserer Zeit, wenn es in der Pastoralkonstitution „Kirche in der Welt von heute“ als eine Ursache dafür die „missverständliche Darstellung der Lehre, (...) die das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllt als offenbart“ nennt.

In Ausgabe 11-2010, Seite