Beten wir Christen Brot an?

Ratgeber-Glauben

Kommunion - Beten wir Christen Brot an?

Pater Eugen Rucker SVD

Unsere Tochter kam aus der Schule und erzählte: „Die Annette hat mich heute ausgelacht! Wir würden in der Kirche ein Stück Brot anbeten.“ Was soll ich darauf antworten?

Für uns Christen ist die eucharistische Speise weit, weit mehr als Brot. Vielleicht könnten Sie das Ihrer Tochter an einer kleinen Geschichte klarmachen: Johanna von Orleans wollte ihrem verdrängten König Karl VII. zum Thron verhelfen und ging in göttlichem Auftrag zu ihm. Vor ihrer Ankunft kleidete sich der König, um die Echtheit ihrer Berufung zu prüfen, in das Gewand eines niedrigen Dieners, ließ einem seiner Generäle den Königsmantel anziehen und die Krone aufsetzen und sich statt seiner auf den Thron setzen. Als Johanna den Saal betrat, ging sie ohne zu zögern auf den als Diener Gekleideten zu, fiel auf die Knie und grüsste ihn ehrerbietig. Sie huldigte ihm trotz seiner Lakaientracht; er war mehr, als er schien. So ist auch das Brot auf dem Altar nach der heiligen Wandlung viel, viel mehr als nur Brot. Aber das nehmen nur Glaubende wahr.

Sie wissen, dass Jesus sich beim Letzten Abendmahl den Aposteln in Brot-form zur Speise gab, indem er sagte: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Und zum Schluss: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Die Nachfolger der Apostel, die Priester der Kirche, nehmen diese Aufforderung Jesu ernst und feiern in unseren Kirchen regelmäßig das Abendmahl. Und wenn Jesu Worte über das auf den Altar gelegte Brot gesprochen werden, wird dieses Brot nach unserem Glauben in der Kraft des allmächtigen Gottes verwandelt. Mit der Folge, dass es zwar auch weiterhin in seiner sichtbaren Gestalt gegenwärtig ist und gegessen werden kann, zugleich aber mehr ist als nur Brot. Wie der König von Frankreich sich in der schäbigen Kleidung des Dieners versteckte, versteckt sich der große Gott im armseligen Äußeren eines Stückleins Brot. Und diesen verborgenen Gott beten wir an, wenn wir vor dem eucharistischen Brot hinknien, nicht das demütige Kleid, in das sich Christus hüllt.

In Ausgabe 11-2010, Seite 21