Dürfen Christen Zen praktizieren?

Ratgeber-Glauben

Zen und Christentum

01.07.2010 | P. Eugen Rucker SVD aus stadtgottes Juli 2010

Ich treffe immer wieder Bekannte, die viel auf Zen geben. Kann man das denn als Christ praktizieren – und darf man das auch?

Paulus sagt: Prüft alles; was darin wertvoll ist, macht euch zu eigen. − Und so hat auch er selbst wichtige Elemente der griechischen Philosophie in seine Lehre hineingenommen. Was ist nun vom an sich atheistischen Zen übernehmbar? Um mit einem Wort zu antworten: das, was uns Christen in der Fastenzeit zu tun aufgetragen ist: Durch die Zucht ernster Methoden sich reinigen für die Begegnung mit Gott, der nicht nur größer ist als alles, sondern von dem auch alles stammt, der aber selbst ungeschaffen und unvergänglich ist. (Letzteres lehrt freilich der Zen nicht.) Unser Glaube ist oft so schwach und schnell verlierbar, unsere religiösen Worte so flach, hohl, unwirksam und unecht, weil wir den Kontakt mit dem Grund unserer Seele, mit der geheimnisvollen Stelle in uns, wo uns Gott berührt, verloren haben. Obwohl wir Christus ähnlich sein könnten – Ebenbilder des ungeschaffenen Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen – füllen wir unseren Geist mit wertlosem Wortmaterial und sinnlosem Planen. Aus entwürdigender Weltgier und blinder Selbstverfallenheit stolpern wir von einem faulen Kompromiss in den nächsten. „Zen“ heißt: Versenkung in wortloser Stille und radikaler Distanz zu Ausseneindrücken und ruhelosem Getriebenwerden von Gedanken und Vorstellungen. Es geht um regelmäßige Konzentrationsübungen in bestimmten Körperhaltungen und -bewegungen mit dem Ziel, den Menschen zum Geis tigen, zur Befreiung von Welt und Ich zu führen und so zu sich selbst zu bringen. Und der Christ weiß ja: Gott kann ich nur in mir finden. Mich hat das Wertvolle am Zen überzeugt, als ich, kurz nach meiner Ankunft in Japan, zweimal 40 Minuten im Zen-Schweigen saß und dann die Pfingst-Eucharistie als etwas ganz Neues, Erlösendes mitfeiern konnte.

In Ausgabe 11-2010, Seite