Gottes Wort - oder Menschenwort

Ratgeber-Glauben

Im Gottesdienst nach der Lesung heisst es: "Wort des lebendigen Gottes". Sind die Texte denn wirklich wortgetreu überlieferte Gottesworte?

01.03.2011 | Pater Hans Peters SVD

"Wort des lebendigen Gottes" sind die biblischen Texte nicht dadurch, dass sie absolut, geradezu als Diktat, "wortgetreu" überliefert wurden; das gilt auch für die Worte Jesu. Wenn es so wäre, dann hätte jemand im Augenblick des Aussprechens dieser Worte sie sofort aufschreiben müssen, um sie dann als wörtliches Diktat weiterzugeben. So ist es aber nicht geschehen. Bald nach Ostern fing man an, das, was mündlich über Jesus im Umlauf war, aufzuschreiben. Daraus haben sich im Laufe des 1. Jahrhunderts die Evangelisten entwickelt. Den Evangelisten ging es nie in erster Linie um ein exaktes Geschichtsprotokoll nach modernen Massstäben, sondern alle schrieben sie aus einem seelsorglichen Interesse heraus.

In ihren jeweiligen Gemeinden gab es bestimmte Probleme, etwa die wichtigste Fragem wie es denn nach Ostern mit der Gemeinde weitergehen sollte. Darauf wollten die Evangelisten - und das gilt mehr oder weniger für alle alt- und neutestamentlichen Schriften - antworten. So ist im Entstehungsprozess der Schrift eine doppelte Blickrichtung gegeben: Einerseits soll die Vergangenheit, also die Geschichte Gottes mit seinem Volk, besonders die Jesusgeschichte, unter uns lebendig bleiben, andererseits wird aus dieser Vergangenheit die Lösung der anstehenden Probleme erwartet. Dieses Antwort gebende und weiterhelfende Wort în  der jeweiligen Situation ist gemeint, wenn wir sagen "Wort des lebendigen Gottes".

Die christliche Inspirationslehre, also die Lehre von der geistgewirkten Entstehung der Schrift, besagt zugleich, dass Gottes Wort in Menschenwort zu uns kommt. Somit ist das, was die biblischen Verfasser schrieben, auchvon ihrer Persönlichkeit und ihrer jeweiligen Situation geprägt, ohne deswegen zur "Privatmeinung" zu werdn. Die Inspiration durch den Heiligen Geist und damit die Irrtumslosigkeit der Schrift bezieht sich jedoch "nur" auf die von Gott um unseres Heiles willen geoffenbarten Wahrheiten. In allen anderen Dingen kann die Schrift irren: zum Beispiel bei genauen (oder ungenauen) Datierungen, Personennamen, Ortsangaben, wie sie sich etwa im biblischen Weltbild mit der Erde als Mittelpunkt des Alls finden.

Die Unterscheidung, was denn von Gott um unseres Heilesw illen geoffenbarte Wahrheit ist, ist immer wieder auch ein schwieriger Lernprozess, in dem die Erfahrung der Gläubigen, das Studium der Theologie und das Lehramt der Kirche ihre jeweilige unverwechselbare Rolle spielen.

In , Seite 20