Sündige Kirche – dafür soll ich werben?

Ratgeber-Glauben

Viel Gewalt und Missbrauch hat es in der Kirchengeschichte gegeben. Warum soll es sich da lohnen, diese Religion weiterzugeben?

09.06.2011 | Pater Hans Peters SVD

Wir werden hier schmerzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass Gott sich in der Menschwerdung seines Sohnes auf uns eingelassen hat mit all dem Risiko, das damit verbunden war und ist. Er erwählt von Anfang an schwache Menschen – einer verrät ihn, einer verleugnet ihn, alle anderen verlassen ihn: kein besonders gutes Zeugnis für den ersten Jüngerkreis.

Aber Gott will die freie Antwort eines freien Menschen. Das ist keine Erklärung und schon gar nicht eine Entschuldigung für das, was inmitten der Kirche geschehen ist. Aber wir stehen hier wirklich vor dem Geheimnis menschlicher Freiheit, die der Mensch zum Segen und zum Fluch gebrauchen kann. Und dennoch: Auch von dem schlechtesten Priester werden die Sakramente gültig gespendet, wenn er sie so spendet, wie die Kirche sie gespendet haben will. Das bedeutet: Wir kommen in Kontakt mit Gott, unabhängig davon, ob der Priester heilig oder sündig ist, wobei beides meistens eine normal menschliche Mischung eingeht. Schlimm wird es, wenn das Sündige so bestimmend wird, dass das Zeugnis für Gott verstellt oder sogar zerstört wird, wie es in den Missbrauchsfällen geschehen ist.

Eine erste Konsequenz aus diesen vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen muss sein: Unsere Rede von der Kirche, von uns als Kirche muss demütiger werden! Wir sprechen im Credo von der heiligen Kirche, aber direkt danach von der Vergebung der Sünden, als solle so deutlich werden, dass die Kirche selbst die Vergebung, die sie der Welt zu verkünden hat, immer erst auch selbst nötig hat. Wenn es denn dann eines Aufweises, nicht eines Beweises, bedarf, dass es sinnvoll ist, dass es auch morgen Kirche gibt: Was wäre unsere Kultur ohne die mittelalterlichen Schreibstuben der Mönche, ohne die Heilig-Geist-Spitale der Städte, ohne die Gelehrsamkeit und Menschenliebe der großen und kleinen Heiligen, die nachhaltig unsere Geschichte und unsere Kultur geprägt haben, um nur einige Beispiele zu nennen? Ja, es gibt viel Schlimmes in der Kirchengeschichte, aber es gab und gibt auch die Geschichte der Heiligen und der Heiligkeit.

Unser Glaube ist, dass sich die Heiligkeit immer wieder durchsetzen wird, ist es doch letztlich Gott selbst, der Heilige, der dafür sorgen wird, dass die „Pforten der Hölle“, auch wenn sie selbst in so manchem ihrer Diener diese Pforten weit geöffnet hat, sie nicht überwältigen werden. Und darum „lohnt“ es sich, die Botschaft des Evangeliums, das Wissen um Gottes Liebe, auch heute weiterzugeben.

In , Seite