Das Leben hat mich betrogen

Ratgeber-Glauben

Ich bin jetzt in Rente. Als Krankenschwester habe ich mich nie ganz wohl gefühlt: Ich wurde immer von meinen Kolleginnen und Kollegen ausgenutzt. Hier wiederholte sich, was ich schon als Kind erlebte. Ich musste immer für meine Geschwister da sein und konnte mich nicht wehren und nie Nein sagen. Später nutzten Männer meine Gutmütigkeit aus. Mein ganzes Leben ist eine große Enttäuschung. Ich fühle mich vom Leben betrogen. Ich bin oft so verzweifelt und habe meinen Glauben an Gott verloren. Gibt es denn für mich nicht ein wenig Glück?

01.03.2011 | Pater Franz-Josef Janicki SVD

Nicht wenige Menschen – es sind nicht die schlechtesten – erzählen so oder so ähnlich von ihrem Leben. Es ist nicht zu leugnen: Das Leben kann sehr hart sein und einem übel mitspielen. Sie fragen: „Gibt es denn für mich nicht ein wenig Glück?“ Darin zeigt sich der Wunsch und die Sehnsucht nach ganz anderen Erfahrungen. Aber die werden sich Ihnen vermutlich nur auftun, wenn Sie Ihre Vergangenheit so, wie Sie sie jetzt wahrnehmen, nicht nur als eine einzige Klage über und Anklage an Ihr Leben sehen, so verständlich das ist. Ihre Wahrnehmung ist für Sie die Realität, die Sie ganz nüchtern als zu Ihnen gehörig zu akzeptieren lernen müssen. Zugegeben, das wird nicht ganz einfach sein und erfahrungsgemäß werden Sie das nicht allein können.

Ein lebenserfahrener Mensch, dem Sie vertrauen, oder ein erfahrener Therapeut wird Ihnen dabei helfen können. Mit ihm zusammen werden Sie sicher auch zu einem Perspektivenwechsel in der Wahrnehmung Ihres bisherigen Lebens kommen und dann lernen, sich den Ausnutzungstendenzen anderer zu widersetzen und Ihre berechtigten Wünsche durchzusetzen. Gewiss, man kann seinen Glauben an Gott, aus welchen Gründen auch immer, verlieren. Ich akzeptiere Ihre Aussage in Ihrer gegenwärtigen Situation. Vielleicht sieht nach einer Therapie auch hier einiges anders aus.

Aber selbst wenn Sie bei Ihrer Aussage bleiben: Gott glaubt weiterhin an Sie! Denn Gott ist nach einem Wort von Kurt Marti „jener große Verrückte, der immer noch an den Menschen glaubt.“

In , Seite 21