Veränderungen im Missionsverständnis des 20.Jahrhunderts

„Mission erfüllt!“ – Das sagt vielleicht auch ein Bundespräsident nach einer Auslandsreise, wo er auf diplomatischem Weg erfolgreich wirtschaftliche Beziehungen mit anderen Ländern geknüpft hat. „Mission erfüllt!“ erklärt auch stolz eine Firma, die angepeilte Umsatz- und Gewinnzahlen erreicht und damit die Börsennotierung verbessert hat.

Das Wort „Mission“ ist in aller Munde. Nur – wenn es um die religiöse oder gar kirchliche Mission geht, tun sich viele schwer damit. Sollten wir nicht aufhören von Mission zu reden, weil so viel im Lauf der Missionsgeschichte verkehrt gelaufen ist, weil Kulturen und Religionen zerstört und Menschen zum Glaubenswechsel gezwungen wurden?

Bei dieser pauschalen Infragestellung wird allerdings übersehen, dass die Kritik an Gewaltanwendung und Ausbeutung im Zuge der europäischen Expansion zumeist aus kirchlichen Kreisen selbst kam und dass politische und wirtschaftliche Mächte ebenso Verantwortung für den europäischen Imperialismus und die Kolonisierung trugen wie kirchliche Akteure.

Auch ist kaum bewusst, dass trotz der unleugbaren Schattenseiten der Christianisierung in allen Kontinenten vitale Ortskirchen entstanden sind, weil die Menschen zwischen den oft schockierenden Begleitumständen der Mission und dem Wert der Frohen Botschaft von der Erlösung in Jesus Christus zu unterscheiden wussten. So wurden die Missionierten und Kolonisierten oft selbst zu MissionarInnen ihrer Landsleute. Heute entfalten gerade sie weltweit einen großen missionarischen Elan, indem sie den christlichen Glauben bis an die Enden der Erde und auch wieder neu nach Europa tragen.

Neue Sichtweisen

Schließlich wird auch viel zu wenig wahrgenommen, dass das katholische Missionsverständnis im 20. Jahrhundert eine große Veränderung erfahren hat, die im 2. Vatikanischen Konzil und in darauffolgenden lehramtlichen Dokumenten ihren Niederschlag gefunden hat.

Die Kirche hat nicht mehr „Missionen“ im Sinn von geografischen Gebieten – sie „ist ihrem Wesen nach ‚missionarisch‘ (als Gesandte unterwegs), weil sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes herleitet gemäß dem Plan Gottes desVaters“. (AG 2)

Kurz gesagt: Mission ist Teilhabe an der Sendung Gottes und der Dienst an seinem Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Kirche steht im Dienst dieser Sendung. Die Mission ist ihr Existenzgrund, ihr eigentlicher Selbstvollzug. Kirche gibt es, weil es Mission gibt. Daher ist dieMission unverzichtbar.

Die Eckpunkte des neuen Verständnisses von Mission sind

  • die Anerkennung der Religionsfreiheit,
  • eine wertschätzende dialogische Haltung anderen Religionen und Kulturen gegenüber,
  • eine ganzheitliche Sicht des Menschen
  • und der Vorrang des Glaubenszeugnisses vor der ausdrücklichen Wortverkündigung.

Mission positiv gewendet

Früher wurde Mission oft gegen jemanden betrieben: gegen den Teufel und seine Dämonen, gegen den Irrglauben anderer Religionen und gegen – oder auch in Konkurrenz mit – anderen christlichen Kirchen.  

Heute ist es eine Mission mit allen, die sich für die Werte des Evangeliums – für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung – einsetzen. Die ökumenische Bewegung konnte entstehen, weil christliche Kirchen diese Konkurrenz bei den missionarischen Aktivitäten über winden und ein Zeugnis der Einheit geben wollten, „damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21). In der Missionstheologie gibt es heute eine breite Übereinstimmung und eine fruchtbare Zusammenarbeit der verschiedenen christlichen Kirchen, in einer Haltung der Partnerschaft und des engagierten Dialogs.

Die Steyler positionieren sich

Wir Steyler Missionare haben diesen Veränderungsprozess im Verständnis von Mission mitgetragen und mitvollzogen. Unsere Ordensgemeinschaft wurde als „Gesellschaft des GöttlichenWortes“ vom Hl. Arnold Janssen in der Hochblüte des Kolonialismus gegründet. „Die Verkündigung der Frohbotschaft ist das erste und höchste Werkder Nächstenliebe“, davon war er überzeugt und sandte Steyler Missionare und Steyler Missionsschwestern in alle Kontinente. Bis heute beseelt uns dieselbe Überzeugung.

Aber das Verständnis und die Praxis unserer Mission haben sich verändert. Dabei ist uns zugute gekommen, dass unsere internationale Gemeinschaft in allen Kontinenten Wurzeln geschlagen hat und dort heimisch geworden ist. Vor allem inAsien lernten wir den respektvollen, ja ehrfürchtigenDialog mit jahrtausende alten anderen religiösen Traditionen. In Afrika und Ozeanien wurden wir konfrontiert mit kulturellen Gegebenheiten, die eine tiefgreifende Inkulturation des Evangeliums verlangten. In Lateinamerika machten wir den Schrei unterdrückter Völker nach Menschenwürde und Befreiung zu unserem eigenen Anliegen. In Westeuropa waren wir zunehmend betroffen von der Entkirchlichung der Menschen, die einherging mit einer intensiven spirituellen Suche vieler Menschen.

Mission als prophetischer Dialog

Diese verschiedenen Kontexte halfen uns, den Weg der Mission zunehmend als einen „prophetischen Dialog“ zu begreifen mit Menschen anderer Religionen und Kulturen, mit Armen und Unterdrückten sowie mit Suchenden. „Prophetisch“ ist der Dialog, weil wir um die biblische Offenbarung wissen und wir uns von dieser Perspektive her für den Aufbau des Reiches Gottes einsetzen. Dabei ist aber unsere Überzeugung, dass Gott immer schon am Wirken ist im Einsatz vieler Menschen und Gruppierungen und dass unsere Mission –wie es das Konzil sagt – Mitarbeit an der Mission Gottes ist, die auch schon von Menschen anderer Kulturen und Religionen praktiziert wird.

Dieses Verständnis von Mission wollen wir als Steyler Missionare aktiv in unsere Ortskirche einbringen und in diesem der Kirche wesentlichen Bereich zur Klärung, zur Orientierung und zu neuer Motivation beitragen. So wollen wir mitknüpfen an einem tragfähigen Netz des Lebens, der Hoffnung und der Zukunft, weil die Liebe Christi uns drängt (vgl. 2 Kor 5,14).

Wir wollen „Dialog“ als den Weg der Mission vorschlagen, weil das am ehesten dem Evangelium entspricht, ebenso wie dem heutigen Selbstverständnis der Menschen und den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Dialog üben heißt Machtpositionen aufgeben, einander auf Augenhöhe begegnen, den Anderen in seinem Anderssein ernst nehmen und ihm/ihr wertschätzend begegnen. Es heißt, sich selbst aussetzen und in einen Veränderungsprozess hineingehen, so wie es uns Gott in Jesus Christus vorgelebt hat, der „sich entäußerte“(Phil 2,7), um uns befreiend zu begegnen.

Pater Franz Helm SVD, in "bilum" Heft Nr. 1, April 2009, S. 4+5