Das Missionshaus St. Gabriel – ein Blick in die Geschichte

Am 27. 10. 1888 erhält P. Arnold Janssen, der Gründer der Steyler Missionare, von Kaiser Franz Joseph die Erlaubnis, eine Niederlassung des noch jungen Missionsordens (seit 1875) in der österreichischen Reichshälfte der Monarchie zu errichten. Jahrelang hatte sich Janssen darum bemüht und dafür auch die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen und bereits einen geeigneten Baugrund in Maria Enzersdorf gefunden.


Nun ging es schnell. Bei der Grundsteinlegung, am 26. 4. 1889 formulierte er als Zielbestimmung des neuen Missionshauses: "Zur größeren Ehre und Verherrlichung des Heiligen Geistes", zur Verbreitung der Kirche, "ihres Heiles und ihrer Segnung auf die Völker, welche sie noch nicht kennen" und "zum geistigen Nutzen dieser Gegend".


St. Gabriel wurde als das zentrale Ausbildungshaus der "Gesellschaft des Göttlichen Wortes" (Societas Verbi Divini – SVD), wie die "Steyler Missionare" offiziell heißen, geplant.

Doch darüber hinaus entwickelt sich der rote Backsteinbau rasch auch zu einem geistigen Zentrum. Männer wie Johannes Janssen, der Bruder des Stifters und erste Rektor von St. Gabriel, P. Eikenbrock oder P. Gier, deren Leben vom Gebet getragen ist, verstehen es, den Geist des Gründers zu vermitteln. Auch die gediegene wissenschaftliche Ausbildung der zukünftigen Missionare, die Arbeit des Sprachforschers und Völkerkundlers P. Wilhelm Schmidt, P. Gieses soziale Tätigkeit, die Aushilfen der Priester oder die gut gestalteten Gottesdienste machen St. Gabriel schnell bekannt.


Der Erste Weltkrieg stoppt die rasante Entwicklung. Doch nach dem Krieg füllt sich St. Gabriel rasch wieder und erreicht schon 1925 mit 650 Bewohnern den absoluten Höchststand. Sie kommen aus Österreich, Ostdeutschland, der Schweiz und den Ländern der ehemaligen Donaumonarchie. Unter dem Rektorat von P. Josef Grendl wird die Missionsdruckerei gegründet, Mitbrüder gehen für Volksmissionen in die Pfarreien, St. Gabriel selbst wird zu einem Zentrum der Exerzitienbewegung. Diese Zeit war auch durch eine starkes Anwachsen der Brüderberufe gekennzeichnet.


In der Zwischenkriegszeit wird St. Gabriel durch seine Wissenschaftler auch international bekannt und berühmt: P. Schmidt hält Vorträge in aller Welt, P. Gusinde und P. Koppers forschen bei den Feuerlandindianern.
P. Schebesta bei den Pygmäen in Afrika. Als Missionswissenschaftler organisiert P. Thauren internationale Kongresse und großangelegte Missionsfeste in St. Gabriel. In den ersten 50 Jahren seines Bestehens wurden über 2000 Priester und Brüder für die Mission in Europa und Übersee ausgebildet.


Naziherrschaft und der Zweite Weltkrieg machen dem ein abruptes Ende. 1941 wird das Haus enteignet und in die "Flugmotorenwerke Ostmark" eingegliedert. Von den 357 eingezogenen Patres, Brüder und Studenten kommt ein Viertel nicht mehr aus dem Krieg zurück.


Die Wiederinstandsetzung gestaltet sich entbehrungsreich. Von unschätzbarem Wert sind in dieser Zeit die eigene Mühle und die erhalten gebliebene Druckerei. So geht es den Umständen entsprechend rasch wieder aufwärts. Neben der Ausbildung von Missionaren widmet sich St. Gabriel wieder der außerordentlichen Seelsorge, Volksmissionen und Exerzitien. 1955 entsteht das österreichische Priesterfortbildungsinstitut in St. Gabriel. 1963 wird das Exerzitienhaus eröffnet. Und in besonderer Weise tragen auch die Zeitschriften "Stadt Gottes", "Weite Welt" (bis 1965 "Jesusknabe") und der "Michaelskalender" zur Verbreitung missionarischen Bewußtseins in der Bevölkerung bei. Um 1960 hatte St. Gabriel wieder etwa 400 ordenseigene Bewohner.


Die wissenschaftliche Tradition St. Gabriels wird in der Neuordnung der Theologischen Hochschule, nun an die Päpstliche Universität Urbaniana angeliedert und vom österreichischen Staat anerkannt, und dem Religionstheologischen Institut weitergeführt, wobei der Schwerpunkt nun auf dem Dialog mit den großen Weltreligionen liegt.


In den letzten 20 Jahren ist St. Gabriel auch zu einem Anziehungspunkt für Jugendliche geworden. Die "Jugendnacht" beispielsweise versammelt regelmäßig zwischen 50 und 100 Jugendliche zu Gebet, Meditation, geistlichem Gespräch und zur Eucharistiefeier. Seit 1983 feiert die Hausgemeinschaft das Pfingstfest mit ungefähr 200 jungen Christen aus ganz Österreich und den Nachbarländern.


Doch die gesellschaftlichen und kirchlichen Umwälzungen der sechziger und siebziger Jahre bringen auch für St. Gabriel tiefgreifende Veränderungen. Fortan kann nicht mehr mit einer derart großen Zahl an geistlichen Berufen gerechnet werden. Der Nachwuchs aus den deutschsprachigen Ländern ist in den neunziger Jahren völlig ausgefallen. Das bringt beträchtliche Konsequenzen mit sich: Eine Reihe von Betrieben im Haus mußte geschlossen werden. Das betraf in den letzten Jahren vor allem die Druckerei und Buchbinderei. Veränderte wirtschaftliche Bedingungen und fehlende eigene Kräfte zwangen dazu. Diese Situation wirkt sich auch bedrohlich auf die ordenseigene Theologische Hochschule aus.


So kann die Gemeinschaft des Missionshauses St. Gabriel auf eine bewegte Geschichte mit glanzvollen Höhepunkten und tragischen Tiefen zurückblicken. Die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft angesichts der herrschenden gesellschaftlichen und religiösen Situation sind enorme. Und dennoch: der Auftrag des Stifters bei der Grundsteinlegung ist auch heute noch gültig.

Geschichte der Missionsdruckerei St. Gabriel von P. Winfried Glade SVD: