Die Geschichte des Missionshauses St. Wendel

Die Anfänge
Arnold Janssen (1837 – 1909) gründete 1875 in Steyl/Niederlande das erste deutsche Missionshaus. Das war zugleich der Anfang der "Steyler Missionare" (Ordensname: Societas Verbi Divini = SVD = Gesellschaft des Göttlichen Wortes). Das tat er nach langem Überlegen, nach viel Fragen bei Vertrauten, nach brieflichen und z.T. persönlichen Bitten an alle deutschen Diözesanbischöfe um ihren Segen, nach viel persönlichem Gebet und mit der Einstellung, den erkannten Willen Gottes ohne Abstriche anzunehmen. Von allen Bischöfen erhielt er den Segen. Einer der Bischöfe meinte hinterher: "Entweder ist er ein Narr oder ein Heiliger." Bei der Eröffnung dieses ersten Missionshauses sagte er in seiner Predigt: "… mag der Herr mit uns tun, was er will. Wird aus dem Hause etwas, so wollen wir der Gnade danken, wird nichts daraus, so wollen wir demütig an die Brust schlagen und bekennen: «Wir waren der Gnade nicht wert»!"

Gott war für das Werk. Zwanzig Jahre später waren schon die ersten Missionsgebiete übernommen und das Haus in Steyl konnte nicht mehr alle Bewerber aufnehmen. So schrieb Arnold Janssen in einer seiner Zeitschriften: "Eine Bitte an unsere Freunde", wir halten Ausschau nach einer passenden Gelegenheit zur Gründung eines neuen Missionshauses. In Steyl sei kein Platz mehr um die vielen Bewerber aufzunehmen. Eine Reihe von Bewerbungen ging ein und alle wurden genau geprüft. Arnold Janssen entschied sich zunächst für Corvey und Letmathe, beide in der Diözese Paderborn gelegen. Endgültig entschied er sich für Letmathe. Der damalige Bischof gab gerne seine Zustimmung. Die staatlichen Behörden aber kamen zu keinem Entschluss.

 

Neue Niederlassung in St. Wendel

Am 19. Februar 1898 kam St. Wendel in den Blick. Grund dafür war ein Zeitungsausschnitt. Peter Glauber aus St. Wendel, Bewohner des Hospitals, hatte ihn an P. Scholl (aus Hasborn, Nähe St. Wendel) in Steyl geschickt. Da war ein Hof zum Verkauf angeboten. Es ging um den "Langenfelder Hof", östlich von St. Wendel innerhalb der Gemarkung der Stadt gelegen, dessen erste Anfänge im 15. Jahrhundert lagen. Besitzerin war die damalige Rheinprovinz, Rheinische Provinzial-Landesverwaltung. Der Hof war schon mehrfach zu günstigen Bedingungen zum Verkauf angeboten worden, fand aber keinen Käufer. Arnold Janssen griff sofort zu. Am 7. März erbat er eine genaue Aufstellung über das Anwesen, die er auch schnell erhielt. Es ging u.a. um eine Gesamtfläche von 318 ha und 19 a, darunter 167,47 ha Wald. Sie wurden vom Landeshauptmann der Rheinprovinz, Dr. Klein, zu 350 000 Mark (Goldmark) angeboten. Arnold Janssen tat den ersten Schritt, er erbat sich die Erlaubnis zu einer Niederlassung bei den kirchlichen und weltlichen Behörden von Trier. Bischof Michael Felix Korum gab gerne seine Zustimmung und seinen Segen zur Niederlassung in seiner Diözese. Herr Dechant Bourgeois von St. Wendel war hocherfreut über die Nachricht von diesen Vorhaben, ebenso reagierten die städtischen Behörden unter Bürgermeister Friedrich mit ihrer Zustimmung. Arnold Janssen selber war von der Schönheit des Ortes und der Umgebung begeistert und ging an die Verhandlungen. Zunächst aber musste der Ort für das zukünftige Missionshaus samt den Zufahrtswegen bestimmt werden. Beides war bald gefunden.

 

Vertragsabschluss

Am 14. Juli 1898 trafen sich Arnold Janssen und sein Generalökonom, P. Nikolaus Blum, in Düsseldorf mit Dr. Klein. Das Verhandlungsklima war gut. Die preußische Regierung hatte auch ihre Zustimmung gegeben. Es kam zu einem provisorischen Kaufvertrag. Darin wurde als Tag der Übergabe der 15. November 1898 bestimmt. Im vorläufigen Vertrag heißt es u.a.: "Die Übergabe erfolgt so wie die Sachen stehen und liegen. Es soll sobald als möglich ein notarieller Vertrag über das vorliegende Geschäft abgeschlossen werden." Dieser Vertrag erfolgte am 4. Januar 1899.

 

Die Einweihung

Am 18. November d. J. kamen Arnold Janssen, P. Scholl und P. Franzen und die Brüder Amandus (Arnold Voth) und Crescentius (Franz Birzer) in St. Wendel an. "Quartier" fanden sie bei den Schwestern des hl. Karl Borromäus. Am Tag danach gingen sie an die Arbeit: Arnold Janssen befasste sich mit Bodenproben, die Patres Franzen und Scholl nivellierten und legten die Trassen für die notwendigen Wege fest. Die beiden Brüder erhielten bald Verstärkung durch weitere Brüder aus Steyl aus verschiedenen Handwerken. Sie sorgten für die nötigen Wohnräume und besonders für den vorläufigen Kapellenraum. Arnold Janssen fuhr für einige Tage nach Steyl und kam am 29. November wieder zurück. Am 30. November sollte die Einweihung sein. Aber die zwei Zimmer, die als Kapelle dienen sollten, waren noch nicht fertig. So griff P. Janssen selber nach Arbeitskittel und Pinsel und half. Gegen 23.00 Uhr war alles fertig. An der ersten hl. Messe nahmen teil: Dechant Bourgeois, Bürgermeister Friedrich, einer der Stadtverordneten, Vertreter des Kreises bei der Provinz, Wegebaumeister Huffer, die Patres Scholl und Franzen, die Brüder Amandus und Crescentius und vier Brüder, die Tage zuvor aus Steyl gekommen waren. Damit war die Gründung vollzogen und es herrschte große Freude über das Gelingen. Selbst in den USA brachten Zeitungen lange Artikel darüber. Sie stammten natürlich von Auswanderern aus dem St. Wendeler Raum. Bei der Übernahme hat der Hof, bisher "Langenfelderhof", den Namen "Wendelinushof" erhalten.

Es ging nun weiter auf zwei Ebenen: Der Hof musste wieder auf die Höhe gebracht werden und das Missionshaus musste neu gebaut werden. Beide sollten dem einen Ziel dienen, nämlich der Verkündigung der Frohen Botschaft von Jesus Christus. Auf dem Hof sollten junge Brüder zu Handwerkern ausgebildet werden. Das Missionshaus sollte Jungen, die dem Werk der Glaubensverbreitung als Priester dienen wollten, den Weg zum Abitur ermöglichen – ein Haus also zur Heranbildung von Brüder- und Priestermissionaren.

Der Hof entwickelte sich ausgezeichnet. Schon 1902 wird von einer guten Ernte berichtet. Die Brüder aus Steyl richteten in den vorhandenen Räumlichkeiten Werkstätten ein. Die Räumlichkeiten entsprachen nicht immer dem Bedarf der einzelnen Handwerke. Seit Bestehen des Wendelinushofes wurde in folgenden Berufen ausgebildet: Landwirt, Viehzüchter, Koch, Metzger, Gärtner, Waldhüter, Zimmermann, Schreiner, Schlosser, Schmied, Elektriker, KFZ-Mechaniker, Maurer, Schneider, Schuhmacher, Sattler, Maler, Glaser, Buchbinder, Buchhändler, Buchhalter, Krankenpfleger.

 

Erster Spatenstich zum Bau des Missionshauses

Bauplatz für das Missionshaus wurde der Atzelhübel, eine Flur südöstlich des Wendelinushofes. Die Hauptachse, und damit die genaue Lage des Bauplatzes, hat P. Damian Kraichgauer SVD, St. Gabriel, konstruiert (er war promovierter Physiker und arbeitete vor seinem Eintritt in die SVD unter Prof. Hermann von Helmholtz in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Charlottenburg).

Arnold Janssen machte am 30. Juli 1899 den ersten Spatenstich und konnte am 3. September den Grundstein einmauern. Am 11. Oktober 1900 wurde der erste Bauabschnitt eingeweiht (heutiger Pfortenbau). Schon 1904 konnten die ersten vierzehn Schüler nach hausinternem Abitur in St. Gabriel, Mödling bei Wien, in das Noviziat der Gesellschaft eintreten (St. Gabriel war 1889 von Arnold Janssen als Priesterseminar gegründet worden).

Weitere Bauabschnitte erfolgten in den Jahren 1901, 1902, 1904/07, 1906, 1910-1912 (Kirche), sowie der Aulabau (Südbau) in den Jahren 1913/1914. ImJahr 1914 wurden die ersten Neumissionare in der neuen Aula ausgesandt.

Architekten der Wohnteile, Schulräume, Oratorien waren die Patres Beckert und Scholl. Die Bauarbeiten wurden unter der Leitung von Br. Alexander (Andreas Pyra) ausgeführt. Er hatte schon 1899 nahe der Baustelle einen Ringofen zum Brennen der Ziegelsteine angelegt. Lehm war ganz in der Nähe vorhanden und konnte mit einer Lorenbahn zum Brennofen gebracht werden. Zeitweilig waren bis zu 170 Arbeiter beschäftigt.

 

Bau der Missionshauskirche

Höhepunkte der Bautätigkeit waren sicher der Bau der Kirche (1910-1913) und der Tag ihrer Weihe. P. Scholl hatte 1905 schon einen ersten Entwurf gemacht. 1907 wurde der Mainzer Architekt Ludwig Becker hinzugezogen. Mit der Ausgestaltung des Inneren wurde P. Alfred Fraebel SVD aus St. Gabriel in Mödling bei Wien beauftragt. Von ihn stammt auch ein Gesamtentwurf der Kirche. Die Bauleitung hatte auch hier in bewährter Weise Br. Alexander Pyra. 1910 wurde der Grundstein gelegt. Die feierliche Weihe wurde am 1. Juni 1913 vom Diözesanbischof Michael Felix Korum vorgenommen. Es war ein schönes und frohes Fest für die Ordensgemeinschaft und viele Gläubige aus der Umgebung. Es war ein Sonntag mit echtem "Sonntagswetter", so der Chronist.

 

Missionare aus St. Wendel in alle Welt

In der Folgezeit wurden aus dieser Kirche viele Patres und Brüder in Missionsgebiete und priesterarme Länder ausgesandt. Das war es, was Arnold Janssen erreichen wollte: Verkünder des Evangeliums! Diener des Reiches Gottes! Von den Schülern wurden im Laufe der Zeit etwa 550 Priester, die meisten in der SVD, ein kleinerer Teil in einer Diözese. Von den ausgebildeten Brüdern wurden etwa hundert in die Missionen gesandt. Und wie Gottesdienst und Gotteshaus, Schulunterricht und Schulhaus zusammengehören und alle des täglichen Brotes bedürfen, so waren auch Arbeitsbereiche für beide Gruppen, Priester und Brüder, leicht zu bestimmen. Sie tun ihre Dienste innerhalb der SVD in mehr als fünfzig Ländern unserer Erde.

 

Enteignung

Schwere Jahre kamen für Missionshaus und den Hof durch die Nationalsozialisten. Schon 1937 gab es Hausdurchsuchungen und Festnahmen mit Untersuchungshaft. Verhandlungen gab es nicht. Der damalige Rektor des Hauses, P. Nikolaus Backes, wurde erst nach sechseinhalb Monaten entlassen. Haupttreiber der ganzen Aktion war Gauleiter Bürckel, der sich schon 1921 für Hitler entschieden hatte. Von Beruf war er Lehrer.

Der schwerste Schlag traf das Haus und den Hof am 10. Januar 1941. Beide wurden enteignet. Drei Busse der Gestapo waren vorgefahren und die Mitbrüder mussten innerhalb einer Stunde an der Pforte erscheinen mit einem Koffer mit den notwendigen Dingen. Aus den Regierungsbezirken Saarpfalz, Trier und Koblenz wurden sie ausgewiesen und nach St. Augustin gebracht. Den Mitbrüdern vom Hof erging es ähnlich. P. Becker als Leiter des Hofes und sechs Brüder wurden dienstverpflichtet und mussten bleiben, damit Landwirtschaft und Werkstätten weitergeführt werden konnten. Aus der Schule wurde eine N.P.E.A. (Nationalpolitische Erziehungsanstalt), umgangssprachlich "Napola". Von der Kirche sind noch Umbaupläne vorhanden, die teilweisen Abriss und Festsaalvorschläge enthalten. Zu dieser Zeit waren über vierzig Mitbrüder an der Front. Das Ende des Krieges am 8. Mai 1945 beendete diesen Spuk.

 

Nach dem Krieg

Neues Leben erwachte wieder. Mitbrüder und Schüler trafen ein. Die Kirche wurde schon bald von der französischen Besatzung zurückgegeben. Sie war zur Rumpelkammer geworden. Altäre, Bänke, Beichtstühle, Sakristeieinrichtung u. a. waren auf den Pfarreien und kamen gut erhalten zurück. Die Einrichtungen im Hause für Schule, Museum u.a. blieben verschwunden und mussten neu gemacht werden. Zum 50. Jubiläumsjahr 1948 sah alles wieder manierlich aus und es wurde ein schönes Fest gefeiert.

In den folgenden Jahrzehnten wurden Haus und Hof weiter ausgebaut, den Erfordernissen der Zeit entsprechend. Alte Werkstätten wurden abgerissen und neu aufgebaut, andere wurden auf den neuesten Stand gebracht. Ähnlich war es mit den Stallungen, bis hin zu einem weiteren Bau eines Güllebunkers, der notwendig geworden war wegen neuer Vorschriften der EU, durch welche die Zeiten zur Ausbringung der Gülle erheblich eingeschränkt worden sind. Die Gelegenheit wurde benutzt und über dem Bunker ein Freiluftstall errichtet, der von den Kühen gerne angenommen wurde.

 

Erweiterungen

Im Missionshausbereich wurde 1955/58 am Nordflügel eine Erweiterung angefügt, welcher der Senioren- und Krankenabteilung zur Verfügung steht. Wegen Platzmangel wurde 1962/64 ein eigener Bau für Buchhandlung und Museum errichtet. 1971 – 1975 wurde eine neues Internatsgebäude mit Turnhalle und Schwimmbecken erstellt. Wegen des starken Ansteigens der Schülerzahl wurden nach Schließung des Internats dort Schulräume eingerichtet. Aus dem gleichen Grund musste 1987 auch eine zweite Turnhalle gebaut werden.

 

Das Missionshaus heute

"Tempus fugit!" – 1998 waren seit der Gründung des Missionshauses hundert Jahre vergangen. Zeit und Gelegenheit ein Fest zu feiern! So geschah es auch. Vieles ist in dieser Zeit anders geworden. Seit Jahrzehnten werden die geistlichen Berufe in Westeuropa immer weniger. In unserer Schule, dem Arnold-Janssen-Gymnasium sieht man die Veränderungen am besten, wie in den Ausführungen über das A-J-G nachzulesen ist. Aber der erste Auftrag ist geblieben: die Verkündigung des Evangeliums. Dies geschieht in einer Schule, die all ihre Jahre humane, christliche Werte vermittelt hat. Das ist besonders in der jetzigen Zeit notwendig, in der diese Werte von vielen nicht mehr erkannt und deswegen auch nicht mehr geschätzt werden.

Ein weiteres Beispiel von Veränderung ist die Anwesenheit von vielen Priestern aus früheren Missionsländern, die verschiedene Aufgaben in der Seelsorge übernehmen. Auch viele Schwestern sind zur Hilfe in Pfarreien, Krankenhäusern u. a. "Mission ist also keine Einbahnstraße", wie schon in früheren Zeiten oft betont wurde. Auch die Steyler sind daran beteiligt.

Pater Alois Maldener SVD