Aschermittwoch

Predigtimpuls

„Madeleine Delbrêl – Wachsen in der Liebe als Sinn der Fastenzeit.“

Lesung: Joël 2,12-18
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: 2Kor 5,20 - 6,2
Evangelium: Mt 6,1-6.16-18
Zum Kantillieren des Evangeliums: www.stuerber.de

Madeleine Delbrêl – Wachsen in der Liebe als Sinn der Fastenzeit:

Der Aschermittwoch zu Beginn der Fastenzeit konfrontiert uns auf nicht unbedingt sanfte Weise mit einem Thema, dem wir uns eher ungern stellen: dem Thema Tod. Wenn uns Asche aufs Haupt gestreut wird oder wir mit dem Aschenkreuz bezeichnet werden, dann wird uns durchaus drastisch vor Augen geführt: Sieh gut hin, du hast vor Augen, wie auch du einmal enden wirst. Durch Verwesung wirst du zurückkehren zu dem, woraus dein vergänglicher Leib geformt ist: zu Staub und Asche. „Denn Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück.“ 

Die Liturgie, mit der die heiligen 40 Tage der österlichen Bußzeit einsetzen, und darin die Kirche, duldet es also nicht, dass wir uns an diesem für viele so unangenehmen Thema des Todes vorbeimogeln, es beiseiteschieben und verdrängen, wie man es so gerne tut. Nein, ohne viel Federlesens konfrontiert sie uns mit dieser sichersten Wahrheit unseres Lebens: Ich werde einmal sterben.

Dies bedeutet zugleich Konfrontation mit einem der größten Fragezeichen unseres Daseins. Denn er, der große „Durchstreicher“, macht alles zunichte: alle Freude, alle Hoffnung. Erbarmungslos durchschneidet er jede Beziehung, kurz: er zerstört das Leben insgesamt. 

Eine der großen christlichen Frauengestalten des vergangenen Jahrhunderts, Madeleine Delbrêl, hatte schon als Jugendliche über diesem großen Fragezeichen unseres Daseins allen Glauben an Gott verloren. Sie verlor ihn vor allem angesichts der Menschenschlächterei des 1. Weltkriegs, als Millionen von Soldaten auf den Schlachtfeldern Frankreichs und Mitteleuropas den sinnlosesten aller Tode starben: den durch Krieg. Mit 15 Jahren verstand sie sich als strikt atheistisch und fand die Welt täglich absurder, wie sie schrieb. Mit 17 Jahren verfasste sie einen Text, in dem sie die absolute Sinnlosigkeit und Absurdität von allem als ihr Credo ansah. „Gott ist tot – es lebe der Tod!“ Für sie war klar: Wenn es Gott nicht gibt, dann hatte der Tod das letzte Wort, dann war er der Herr von allem. Am Ende würde er alles in seinen alles verschlingenden Rachen hineinziehen. Daher gab es für Madeleine Delbrêl eigentlich nur zwei Alternativen: Selbstmord oder betäubenden Lebensgenuss. Gott sei Dank wählte sie Letzteres. So konnte es geschehen, dass sie zu einer der beeindruckendsten Persönlichkeiten christlichen Lebens des vergangenen Jahrhunderts wurde. 

Wie kam sie aus ihrer restlos nihilistischen Lebenshaltung heraus? Es war die Liebe, die eine Bresche schlug in das Bollwerk ihres Verneinens. Die Liebe zu Jean Maydieu, einem jungen, hochintelligenten Mann, ließ sie innerhalb kürzester Zeit das höchstmögliche Glück und die tiefstmögliche Verzweiflung erfahren. 19 Jahre war sie alt, als sie sich verlobten. Doch Jean verspürte schon lange die Berufung zum Ordensleben. Der Vater hatte es ihm verboten. Er sollte Karriere machen in einem lukrativen Beruf. Doch schließlich erwies sich seine Berufung als stärker als das Verbot des Vaters und selbst die Liebe zu Madeleine. Denn kurz nach der Verlobung löste er die Verbindung auf, um ins Noviziat der Dominikaner einzutreten. 

Dass ein so intelligenter Mensch die Liebe opfern könnte für einen Gott, den es ihrer Überzeugung nach gar nicht gibt, konnte sie nicht fassen. Und doch löste die Erfahrung dieser Liebe mit den Empfindungen sowohl höchsten Glücks als auch tiefster Depression ein neues Suchen in ihr aus. Durch die menschliche Liebe hatte sie eine Erfahrung der Liebe selbst gemacht, die Gott ist. So fand sie, oder besser: wurde sie gefunden von jener anderen Liebe, die sie fortan nicht mehr loslassen sollte. Nicht zuletzt durch die Begegnung mit anderen, sie überzeugenden Christen fand sie den Weg zurück zum Glauben ihrer Kindheit und es begann eine ganz neue und andere Liebesgeschichte. Diese führte sie dazu, mitten in der Welt, nämlich in Ivry, einer kommunistisch und atheistisch geprägten Arbeiterstadt nahe Paris, zusammen mit anderen Frauen eine christliche Gemeinschaft zu bilden und Gottes Liebe hineinzutragen in ein Milieu, das von Gott eigentlich nichts wissen wollte. Hier arbeitete sie als Sozialarbeiterin, um durch ihr Dasein, ihr Gebet und ihre Arbeit Gott gegenwärtig zu machen.

Während uns der Gedanke näher liegt, durch unsere Nächstenliebe auch Gott zu dienen, schreibt sie in einem ihrer oftmals grandiosen Texte, dass es Gott ist, der die Menschen durch uns lieben wolle. Sie formuliert es so: Dieser traurigen Frau da möchte Gott durch ihren, Madeleines Mund, zulächeln. Und dieses bleiche Kind da wolle er durch ihre, Madeleines Augen, anschauen. 

Auf diese Weise thematisierte sie nicht so sehr ihre eigene Liebe, sondern Gottes Liebe selbst, die durch ihre schwachen Kräfte hindurch immer wieder Menschen erreichen wolle. 

In der Fastenzeit geht es eigentlich um nichts anderes. Den Tod besiegt nur die Liebe. Nicht unsere, sondern allein die Liebe Gottes. Am Ende der Fastenzeit, an Ostern, feiern wir genau das: den Sieg der Liebe Gottes, die uns in Christus erschienen ist, über den Tod und über alles, was tötet: Schuld und Leid. Indem auch wir uns dieser Liebe öffnen, indem Gott seine Liebe in uns einsäen darf, können und dürfen wir mithelfen, den Tod überall da zu besiegen, wo er sich breit macht: in uns selbst und um uns herum. 

Wenn wir uns daher unsere Vorsätze für die Fastenzeit anschauen, sollten wir uns fragen: Helfen sie mir, in der Liebe zu wachsen? Ein paar Pfunde abzuspecken ist sicher nichts Schlechtes, aber es genügt nicht als Motivation für ein christliches Fasten oder Verzichten. Ja, wir sollen frei werden von falschen Anhänglichkeiten und Abhängigkeiten – das ist ein zentraler Sinn der österlichen Bußzeit. Aber nicht aus selbstbezogenen Gründen, sondern um frei zu werden für das Wachsen in der Liebe: in der Liebe zu Gott durch intensiveres Gebet; in der Liebe zu Mitmenschen durch Almosen.

Das Evangelium, mit dem die Vorbereitungszeit auf Ostern beginnt, nennt genau diese drei: Fasten, Gebet, Almosen. Es ist ein Dreiklang, der untrennbar zusammengehört. Wobei Almosen selbstverständlich nicht nur materielle Gaben meint, sondern auch das Almosen der Zeit, der Güte, der Barmherzigkeit, der Versöhnung, der Geduld, usf. 

So wünsche ich Ihnen, dass es Ihnen gelinge, Ihre Vorsätze zu halten, vor allem aber, durch sie, um es nochmals zu sagen, in der Liebe zu wachsen. Denn nur die Liebe besiegt den Tod. Diesen Sieg der uns in Jesus Christus erschienenen Liebe über den Tod werden wir – ich wiederhole es, weil es so wichtig ist – an Ostern feiern.

Pfr. Bodo Windolf, München