2. Sonntag im Jahreskreis (B)

Predigtimpuls

Thema: zu Joh 1,35-42

1. Lesung: 1Sam 3,3b-10.19
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: 1Kor 6,13c-15a.17-20
Evangelium: Joh 1,35-42

Im Jahre 1820 erschien von dem Begründer und Führer der modernen Reformbewegung im Hinduismus, Ram Mohan Roy (1772-1833), das Buch „Die Gebote Jesu als Führer zu Frieden und Seligkeit“. Für ihn war Jesus der große ethische Lehrer. Für ihn waren die ethischen Gebote Jesus der Hauptinhalt des Christentums und so lehnte er den Gedanken der Erlösung der Menschen durch den Tod Christi ab. Er gilt geradezu als „Vater des neuen Indiens“. Er lernte in England das Christentum kennen und gewann aus ihm die Maßstäbe für die Beurteilung und die Wertung der Religionen und für die Reform des Hinduismus. Die sittliche Höhe der Ethik Jesu beeindruckte ihn zutiefst. Sie war für ihn den Menschen angemessen und überragte alle Erwartungen und Forderungen anderer Religionen. So meint er, dass keine andere Religion etwas vorweisen kann, das den Wettbewerb mit den Geboten Jesu aufnehmen kann, zu schweigen davon, dass sie vorgeben könnte, ihnen überlegen zu sein. Und so ist er der Meinung, dass das Christentum, wenn es recht dargeboten werde, eine stärkere Tendenz habe, den moralischen und politischen Zustand der Menschen zu heben, als irgendein anderes bekanntes religiöses System. Dennoch übt er herbe Kritik am Christentum. Für ihn, steht der Tod Jesu im Widerspruch mit der Gerechtigkeit Gottes. Es ist eine „grobe Unbilligkeit, ein unschuldiges Wesen, das aller menschlichen Gefühle fähig ist und nie gegen den Willen Gottes gesündigt hat, den Tod am Kreuze sterben zu lassen, und dies für die Verbrechen, die andere begangen haben.“ 

Er hat sein eigenes Bild vom Christentum und Jesus Christus. Wenn im heutigen Evangelientext von der Berufung der ersten Jünger berichtet wird, so wird in dieser Berufung auch das Bild des Christen mitgezeichnet. Die Jünger werden nicht von einem Lehrer einer hohen Sittlichkeit in die Jüngerschaft gerufen, sondern von dem, den der Täufer Johannes als „das Lamm Gottes“ bezeichnet, womit er auf den Tod Jesu anspielt. Die Tat, wodurch die Sünde und Gottesferne der Welt behoben wird, ist der sündetilgende Tod Jesu, der als Opferlamm betrachtet wird. Dieses Wort des Täufers Johannes am Beginn der Tätigkeit Jesu verdeutlicht damit die universale Tragweite des Heilswerkes Jesu: Sein Tun, Handeln und Predigen gilt für alle Zeiten. Die Berufung der ersten Jünger stellt den Anfang des Sammelns der Gemeinde dar. Bei späteren Gesprächen zwischen Johannes dem Täufer und einigen seiner Jünger beklagen sie sich darüber, dass Jesus mehr Jünger als ihr Meister hat. Es wird aber darauf verwiesen, dass Gott diese Jünger Jesus zuführt. Die Gemeinde Jesu wächst (3,26-30).  

Die Berufung selber wird durch die Tätigkeitswörter „folgen“ (37f.40), „sehen“ (39), „finden“ und „bleiben“ (38f) ausgedrückt. Bei der Berufung zum Jünger in die konkrete Nachfolge Jesu kommt zum Ausdruck, dass es auf ihre Begegnung mit ihm ankommt und dass sie Augenzeugen sind. Diesen beiden Aspekten kommt eine besondere Bedeutung für die Verkündigung der Botschaft Jesu durch die Jünger zu (1,41f.45f). Beim Schauen (1,14) und beim Sehen (1,39.50f) handelt es sich nicht nur um ein bloßes geistiges Sehen, aber auch nicht um ein neutrales und unbeteiligtes Feststellen, sondern um ein Sehen, das Jesus als Gottessohn, Messias und Menschensohn erkennt und anerkennt. Durch diese Glaubensbeziehung der Jünger zum Herrn und sein Handeln in der Welt, den sie als den göttlichen Offenbarer anerkennen (1,51), wächst die Gemeinde. 

Wie für die Jünger, so ist es auch für jeden Christen wichtig, nicht nur den hehren Lehrer in Jesus zu sehen, sondern ihn in seiner Aufgabe und seinem Leiden zu erkennen und ihm nachzufolgen. Er ist der Mittelpunkt und der Kern der Gemeinde.

P. Dr. Horst Rzepkowski SVD - [Anmerkung der Redaktion: Die von P. Rzepkowski verfasste Predigt wurde bereits veröffentlicht in: DIE ANREGUNG, Nettetal 1994; S. 15f]