4. Sonntag im Jahreskreis (B)

Predigtimpuls

„Eine neue Lehre wird mit Vollmacht verkündet“

1. Lesung: Dtn 18,15-20
Zwischengesang: www.antwortgesang.de
2. Lesung: 1Kor 7,32-35
Evangelium: MK 1,21-28

Der Anspruch Jesu 

„Das gibt es doch nicht, der ist ja von allen guten Geistern verlassen!“ Das sagen wir gelegentlich über einen Menschen, den wir gut kennen, und den wir bisher auch verstanden haben. Nun glauben wir, einen ganz anderen Menschen vor uns zu haben. So ist es auch. Wir sind ratlos. 

So erging es auch den Menschen in der Synagoge zu Kafarnaum. 

Jesus ist mit seinen neuberufenen Jüngern beim Sabbatgottesdienst. Er hat von dem Recht Gebrauch gemacht, sich nach dem Vorlesen aus den Heiligen Schriften zu Wort zu melden. Es wird uns nicht berichtet, was er gesagt hat. Berichtet wird uns die Wirkung seiner Worte auf die Zuhörer. Die scheint sie beinahe sprachlos gemacht zu haben. „Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat.“  

Er tritt mit Ansprüchen auf, die bis dahin kein Mensch für sich beansprucht hat. Denken wir etwa an die oft wiederkehrende Redewendung in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist … Ich aber sage euch …“ (Mt 5,21f.33f). Und seine Forderungen sind hoch, so hoch, dass sie uns oft genug aufregen. Er bekennt in aller Klarheit: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat“ (Mk 2,27-28). 

Er geht in seinem Anspruch noch weiter, so dass man ihn der Gotteslästerung bezichtigt. „Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben“ (Mk 2,10). Darum hat er auch keine Berührungsängste mit den Sündern. Das lässt ihn bis dahin gängige Konventionen durchbrechen. Die letzte Beglaubigung seiner Vollmacht werden das Kreuz und die Auferstehung von den Toten sein.

Das Ereignis in Kafarnaum  

Nun wird aus der Synagoge in Kafarnaum ein Ereignis berichtet, das uns sogleich zeigt, Jesus redet nicht nur von der Gottesherrschaft, sondern er beginnt sie durchzusetzen, zugunsten der Menschen. Sein Reden mit Vollmacht offenbart, dass unter den Gottesdienstbesuchern ein Mann ist, der von einem unreinen Geist besessen war. Der erkennt, wer Jesus ist, wozu er gekommen ist. „Du bist gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen. Ich weiß, wer du bist: Der Heilige Gottes“ (Mk 1,24). 

Später wird Petrus das gleiche Bekenntnis ablegen. Als Jesus im Anschluss an das Speisungswunder verkündet, er werde den Menschen sein Fleisch zu essen geben. Laufen viele weg. Was er sagt, ist ihnen unerträglich. Und so hören wir bei Johannes: „Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,67-69). Jesus befreit den geknechteten Menschen in der Synagoge, der gleichsam nicht mehr Herr im eigenen Hause war. Auf sein Wort hin muss der böse Geist diesen Mann freigeben. Jesu heilendes Wirken wird vor aller Augen offenbar. Entsprechend ist noch einmal die Reaktion der Leute: „Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister folgen seinem Befehl“ (Mk 1,27). Die Folge davon: Die Nachricht vom Lehren und Wirken Jesu verbreitete sich im ganzen Gebiet von Galiläa. 


Die Zeitenwende 

Mit Jesus kommt in der Tat eine Zeitenwende. Wo Gott in der Welt Platz gewinnt, müssen die Mächte des Bösen weichen. Das vollzieht sich zuerst am Menschen. Er wird befreit von den Fesseln der Angst. 

Es kommt Licht ins Dunkel des Lebens, das uns oft genug den Lebensmut nimmt und die Hoffnung auf gute Zukunft auf den Nullpunkt abgesenkt hat. Gott will den Menschen von den Lähmungen und Verwirrungen befreien, die das Leben einschnüren. Ich denke, hier entfaltet das Evangelium seine ganze Brisanz für unsere Tage. Wir begegnen dem Bösen in der Welt auf Schritt und Tritt. Das wird niemand ernsthaft bestreiten wollen. Das ist das eine. Andererseits scheint es geradezu abwegig geworden zu sein, vom Bösen oder gar vom Teufel zu reden. Deshalb hat man auch ziemlich kurzsichtig Abschied von ihm genommen. Lässt er sich so leicht verabschieden? Es stecken doch Erfahrungen dahinter, wenn wir feststellen, es sei unmenschlich, einen Menschen zu „verteufeln“. Es gibt teuflisches Handeln in der Welt. Es gibt die Hölle auf Erden! Oder haben wir uns an das Unnormale, an das Böse, an Gewalt und Terror schon so gewöhnt, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen? Erschrecken wir nur noch dann kurzfristig, wenn wir persönlich unmittelbar von ihnen geschlagen werden, um dann endgültig zu resignieren? Mit Jesus ist die Befreiung vom Bösen grundsätzlich zu uns gekommen. Nur geschieht diese Befreiung auch dadurch, dass die Menschen auf seine mit Vollmacht verkündete Lehre sich einlassen und sie leben. Das wird uns nicht rund um die Uhr gelingen, aber doch wenigstens ab und an. 


Verhaltensstörungen  

Die Verwirrung der Geister in unseren Tagen ist groß. Sie zeigt sich täglich darin, wie verhaltensgestört wir leben. Mir wird immer mehr zur Gewissheit, dass wir weithin eine verhaltensgestörte Gesellschaft geworden sind, eine, die auf die Realität des Lebens gestört reagiert, aus welchen Gründen auch immer. Das ist an einer Flut von Beispielen abzulesen. 

Zu Weihnachten und zum Jahreswechsel hören wir die vielfältigen Botschaften unserer Politiker in den höchsten Ämtern an das Volk. So weit, so gut. Nun gibt es da inzwischen Spitzenleute, die sich sonst Gott sei Dank zu ihrem Christsein bekennen, aber in ihren „Botschaften“ kommt das Wort Gott einfach nicht mehr vor, nicht einmal mehr in einem Segenswunsch am Schluss. Haben sie Angst vor denen, deren größte Sorge es ist, das Wort Gott aus der Verfassung herauszukriegen? Angst vor jenen politischen Dünnbrettbohrern, die nicht kapieren wollen, dass das Wort Gott zum Schutz des Menschen in der Verfassung steht und ihnen nicht eine christliche Zwangsjacke anlegen will? Das erscheint mir gestört. 

Was ist mit den gewissen selbsternannten Obermoralisten in den Medien? Sie nehmen es sich heraus, andere in übelster Weise zu demontieren, sie mit der „Zitatenguillotine“ fertigzumachen. Was hat das mit Informationspflicht und Wahrheitsfindung zu tun. Und das nicht selten aus dem Glashaus heraus. Auch das sind Verhaltensstörungen. 

Man kann nicht nach Röm 8,21 von der Freiheit der Kinder Gottes reden und fortwährend bestimmen, was alles nicht geht. Man kann nicht die Mündigkeit der Menschen preisen und sie wie Unmündige behandeln. Kardinal Meisner von Köln träumt von einer „weniger klerikalen“ Kirche. Jetzt, wo sie für nicht wenige zum Alptraum geworden ist. 

Ich wundere mich nicht, wenn Leute das nicht mehr auf die Reihe kriegen: Einerseits ist nur eine natürliche Empfängisverhütung gestattet, alles andere sei Unzucht, andererseits empfiehlt die gleiche Kirche, einen Organspenderpass bei sich zu tragen. „Was ist da natürlich“, wird gefragt. Ich kriege das auch nicht auf die Reihe. Bischof Kamphaus von Limburg regt hier ein Umdenken an! 

Die Kirche in unserem Lande kreiert einen ständig größer werdenden Veranstaltungskalender von allem Möglichen und gelegentlich auch Unmöglichem, während für das Wesentliche oft keine Zeit mehr bleibt. Ein Pastoralreferent darf Taufgespräche führen und die Ehevorbereitung übernehmen. Taufen darf er nicht und der Eheschließung assistieren auch nicht. Eine Pastoralreferentin darf Krankenhausseelsorgerin sein, das Sakrament der Krankensalbung darf sie nicht spenden. Und wir beklagen einen katastrophalen Priestermangel, den wir auch haben. Aber außer dem Gebet um Priesterberufe, das höchst notwendig ist, fällt uns nichts ein. Bald werden die letzten Priester Reisende in Sakramenten sein. Dabei begann nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift vieles sehr viel anders, als es heute ist. Es war eben nicht immer so! Nach meiner Meinung sind auch das Störungen in der Reaktion auf die Realität des Lebens. Die Kirche ist offenbar nicht frei von Störungen in ihrem Verhalten. 

Um nicht missverstanden zu werden: 

Wir leben nicht in einer Welt, in der sich nur noch die Abgründe des Bösen auftun. Aber wir leben in einer Welt, in der allzu viel Böses geschieht. Es geschieht durch Menschen. Das Böse zu überwinden, ist unsere große Sehnsucht. Dazu ist es nötig, sich auf die Botschaft Jesu einzulassen und damit zu beginnen, sie zu leben. Aus seinem Geist zu leben. Wo er dem Bösen begegnet ist, hat er es überwunden. Wenn uns das wenigstens ab und zu gelingt, wäre manche Störung unserer Tage schon zu beheben. Im Übrigen tut sich da Gott sei Dank mehr, als bekannt wird. Die gute Tat hat keine große Lobby. „Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet.“ Wir müssen nicht von allen guten Geistern verlassen sein. Wir können gute Geister sein. 

 

Klaus Mucha, Pfarrer - [Anmerkung der Redaktion: Die von Pfr. Mucha verfasste Predigt wurde bereits veröffentlicht in: DIE ANREGUNG, Nettetal 2000; S. 26-29]