Zeit

Glaubensserie

Die Zeit war zu allen Zeiten gleich lang: Ein Tag hatte immer 24 Stunden, eine Stunde immer 60 Minuten und eine Minute immer 60 Sekunden.

Wir Menschen müssen seit Bestehen der Welt mit demselben Quantum Zeit auskommen und uns immer wieder neu entscheiden, wofür wir sie gebrauchen möchten: für eine Reise, ein Gespräch, einen Krankenbesuch oder für das Zeitungslesen. Die Behauptung: „Ich habe keine Zeit“ bedeutet darum immer: „Ich bin nicht bereit, mir für dich, für diese oder jene Sache Zeit zu nehmen.“
Der Mangel an Zeit ist meist auf einen Mangel an Zeiteinteilung zurückzuführen. Viele Menschen hören jedem zu, auch dem, der Unsinn plappert, lesen, was sich gerade anbietet, möchten in alles eingeweiht werden oder alles selbst entscheiden. Sie wollen vieles zugleich: zu diesem Vortrag und zu diesem Empfang, zu diesem Konzert und auch noch in diese Uraufführung. Die Gier, womöglich kein Ereignis zu versäumen, stachelt sie an, von Termin zu Termin zu hetzen und zu einem pausenlosen Tätig-Sein. Sie lassen sich von der Zeit beherrschen. Wer Herr seiner Zeit bleiben will, muss Prioritäten setzen: das Wichtige dem weniger Wichtigen vorziehen und auf das weniger Wichtige verzichten.
Der Ordensgründer Benedikt, der die in schroffer Weltabkehr und in den Tag hinein lebenden Wüstenväter zu Gemeinschaften zusammengeschlossen und angeleitet hat, sich einem geordneten Tagesablauf zu unterwerfen, hat mit dieser Tat eine Revolution eingeleitet, die in ihrer Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann: Er hat zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte darauf aufmerksam gemacht, dass man mit der Zeit diszipliniert umgehen muss und so auf den Lebensrhythmus des Abendlandes entscheidend eingewirkt. Zeit – sagt man - ist Geld, nur kann man sie - im Unterschied zum Geld - nicht sparen. Man muss sie immer gleich - so wie sie kommt - ausgeben. Wer sie nicht verschwenden will, muss wissen, was er damit kaufen will.

Walter Rupp, SJ