Prophezeien

Glaubensserie

Prophezeien ist erlernbar.

Man muss nur, ohne Rücksicht auf Begründungen, dreist drauflos behaupten: Es ständen überraschende Ereignisse bevor! Eine Voraussage darf kühn, auch unwahrscheinlich sein, man wird sie glauben. Wer prophezeit, muss seine Behauptungen nur beharrlich wiederholen und keinen Zentimeter von der Stelle weichen.


  Wer prophezeit sollte ein paar Regeln kennen und beachten: Er spreche die Erwartungen der Leute an und drücke sich vieldeutig und verschwommen aus: z.B. dass das Jahr 2030 ein ganz besonderes Jahr sei… Dass im kommenden Jahr ein bekannter Politiker, von dem man es nicht erwartet hätte, wegen eines Skandals gezwungen werde, zurückzutreten oder dass die Zeichen für einen wirtschaftlichen Aufschwung äußerst günstig ständen. - Fügt er seiner Behauptung den Konditionalsatz bei: „wenn man sich nicht beirren lasse, wann man wachsam sei, dann kann nichts mehr schief gehen. Trifft seine Vorhersage nicht ein, dann deshalb, weil man sich nicht an die Bedingungen missachtete und die vom Schicksal vorgezeichnete Bahn leichtfertig verlassen hat.

  Nostradamus, der weithin als Seher gilt, der Jahrhunderte überblicken konnte, ist ein Beispiel, wie man sich selbst zum Propheten machen kann. Er redete immer in schwammigen Versen und sagte nie, wen und was er meint, und von welcher Zeit er redet. Weil er stets vermied, konkret zu werden, gab er späteren Interpreten die Möglichkeit, Sinn in seinen Versen zu entdecken und sie beliebig auszulegen: Er habe die Weltraumfahrt vorausgesagt, den 2. Weltkrieg oder die Erfindung des Computers! 

  Die Zukunft ist nichts Fertiges, das auf uns zukommt. Sie ist noch nicht, sie muss erst gestaltet werden, darum ist es ausgeschlossen, über die Zukunft, die noch nicht ist, Aussagen zu machen. Die wahren Propheten wussten, dass sie außerstande sind, die Zukunft vorauszusagen. Sie wollten nur die Zeichen der Zeit deuten, und vor den Folgen warnen, wenn man die falschen Weichen stellt.

Walter Rupp, SJ