Spiegel

Glaubensserie

12. JANUAR

Ein Spiegel ist nicht nur für die Leute da, die eitel sind. Auch einer, der nicht eitel ist, kann ihn auf Dauer nicht entbehren und tut gut daran, sein Aussehen von Zeit zu Zeit zu überprüfen: ob er füllig geworden ist; wie sehr man ihm sein Alter ansieht, oder ob er mürrisch dreinblickt. Ein Spiegel lässt keine Illusion aufkommen und zeigt die Wahrheit schonungslos: ob das Bild, das sich einer von sich macht, der Wirklichkeit entspricht, und wie die anderen ihn sehen.
Es gibt Menschen, die den Spiegel meiden, weil sie nicht ertragen können, dass sie sich selbst gegenüberstehen. Es gibt auch Menschen, die das Fernsehgerät abschalten, wenn sie auf dem Bildschirm erscheinen, weil ihnen ihr Auftreten und Erscheinungsbild nicht passt. Sie haben etwas gegen sich und tun sich schwer, sich selbst zu ertragen. Wer aber eine Abneigung gegen sich hat, kann nicht erwarten, dass andere ihn annehmen, und wer sich selbst nicht mag, wird auch andere nicht mögen können. Jeder muss sich zuvor angenommen haben, wenn er angenommen werden will.
Nun hat es niemand gern, wenn andere sich das Recht herausnehmen, ihm den Spiegel vorzuhalten, wenn andere auf seine Fehler deuten und sie kommentieren. Niemand wird sie deshalb korrigieren. Gutgemeinte Ratschläge und begründete Kritik bringen uns, wenn sie von anderen kommt, nie weiter. Wir müssen uns den Spiegel selbst vorhalten und versuchen zu entdecken, was korrekturbedürftig ist. Wir sollten mehr mit uns selbst reden. Wir brauchen das Selbstgespräch, in dem wir uns Vorhaltungen machen oder Mut zusprechen und uns - wenn es angebracht ist - loben, weil keiner ganz ohne Lob auskommen kann. Ein Selbstgespräch wird nützlich sein, wenn dabei all das, was störend zwischen uns und anderen steht, zur Sprache kommt. Es ist hilfreich, wenn ich mir sage, was nur ich mir sagen darf und was andere sich nicht zu sagen trauen.

Walter Rupp, SJ