Der Mensch

Glaubensserie

14. JANUAR

Wie verschieden doch der Mensch den Menschen sieht! Die Materialisten haben stets geleugnet, dass der Mensch, trotz Geist und Seele, höher zu bewerten sei als die anderen Lebewesen. Die Marxisten haben ihn immer nur wegen seiner Fähigkeit zu arbeiten, als ‘Werkzeuge schaffendes Tier’ geschätzt. Nietzsche sprach von der ‘blonden Bestie’ und sah in ihm das schlechtere Raubtier. Und die Rassisten erfanden die Unterscheidung zwischen den Herren- und den Untermenschen, und räumten nur dem Herrenmenschen eine Existenzberechtigung ein.
Für Biologen ist der Mensch mit seinen verkümmerten Instinkten, sinnlich dümmer als jede Fledermaus und den Tieren unterlegen. Sie nennen ihn das ‘hilfloseste aller Tiere’, und einen im wahrsten Sinn des Wortes ‘Schwachsinnigen’ mit einem leistungsfähigen Gehirn. Denn Tiere können sich meist schon nach Tagen, oft schon Stunden nach ihrer Geburt selbst helfen. Ein Kind aber ist viele Jahre auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen. Die Psychologen konnten sich bis heute nicht einig werden, ob der Mensch ein wirklich freies oder ein triebgesteuertes Wesen ist. Die Politiker betrachten den Menschen häufig als bloße Wählerstimmen und Betriebsleiter als den noch immer ‘rentabelsten Roboter’, als die ‘intelligenteste’ und für das Produktionsgeschehen unentbehrliche Maschine’. Die Illustrierte stellt ihn gerne vor als ‚mit Zivilisation behängten Kannibalen‘, als ‚nackten Affen‘ und mühsam ‚gezähmten Wilden‘. Und die Schriftsteller unserer Zeit geben ihm gern die wenig schmeichelhaften Namen: Täter, Verräter, Feigling, Barbar, Kaspar oder Narr.
Mit wie vielen Mängeln auch der Mensch behaftet ist, was man an ihm auch auszusetzen hat, er nimmt eine Sonderstellung innerhalb des Weltganzen ein, dank seiner Geistbegabung. Während der Affe sich mit 4 Milliarden Gehirnzellen zufrieden geben muss, wurden dem Menschen mehr als das Doppelte an Gehirnzellen mitgegeben. Das macht ihn überlegen. Die Philosophen des Mittelalters bezeichneten ihn als ‘ens risibile’, als das Wesen, das die Fähigkeit zu lächeln hat. Denn wer lächeln kann, ist überlegen. Er kann sich über eine Situation erheben und sie von einer höheren Warte aus sehen.
Alle Definitionsversuche wollen nicht recht gelingen, weil der Mensch ein zwiespältiges und komplexes Wesen ist. Er ist, wie Pascal meint: ‘Ni ange, ni bete’, weder Engel noch Tier. Man könnte den Satz auch umkehren und behaupten: er ist beides, er ist sowohl engelgleich wie auch tierähnlich. Das ist die Ursache seiner Widersprüchlichkeit, aber auch seiner herausragenden Bedeutung.


Walter Rupp, SJ