Gleichberechtigung

Glaubensserie

15. JANUAR

In Sachen ‘Gleichberechtigung’ zeigten sich die Männer - aber nicht nur sie - den Frauen gegenüber wenig galant. So verspottete der Schriftsteller August Strindberg den Zug der Frauen zum Konkreten und Persönlichen. Der große Denker Kant vertrat die Ansicht, dass eine Frau, die Bücher schreibe, geradeso auch einen Bart haben könne. Der Staatsmann Justus Möser wollte kein Mädchen ehelichen, das des Lesens oder Schreibens kundig war, weil das bei den virginibus (den jungen Frauen) nur ein vehiculum (Transportmittel) zur ‚Lüderlichkeit‘ sei. Und der Anatomieprofessor Bischoff zog aus der Tatsache, dass bei Frauen das Großhirn kleiner und leichter als bei Männern ist, den Schluss: Sie wären eben weniger begabt. - Auf den Gedanken, dass man Walen oder Elefanten wegen ihrer Hirnmasse ein Studium anraten sollte, kam er zum Glück nicht!
Der erste große Sieg gelang den Frauen 1648 in London mit der Gründung einer höheren Mädchenschule. Dann ging es mit dem Vormarsch unaufhaltsam weiter. Die Männer mussten in den Büros ziemlich schnell die Schreibmaschinen räumen. Die Frauen eroberten sogar eine bis dahin für uneinnehmbar gehaltene Bastion: sie wagten es - erstmals beim Tode Chopins - in einem Kirchenchor mitzusingen.
Die Männer - und mit ihnen viele Frauen - steckten, trotz vieler Niederlagen in ihrem Kampf gegen die emanzipierte Frau, nicht auf. Man rief die Polizei zu Hilfe, wenn sich Frauen so skandalös benahmen und in der Öffentlichkeit rauchten oder die Dreistigkeit besaßen, ohne Begleitung eines Herrn in einem öffentlichen Restaurant Platz zu nehmen.
Doch die wütendsten Proteste im Namen der guten Sitten nützten nichts. Die Frauen brachen die Vorherrschaft des Mannes und zogen in nahezu alle männlichen Berufe ein. Noch wagt hie und da einer die Behauptung: „Sie kompensieren mit ihrem Fleiß, was ihnen an Begabung fehlt!“ Aber die Stimmen wurden sehr leise, weil die Wirklichkeit solche Einwände widerlegt.


Walter Rupp, SJ