Was Bücher über Menschen denken

Glaubensserie

16. JANUAR

Wenn Bücher sich über Leser äußern könnten, käme wohl nicht viel Schmeichelhaftes dabei heraus. Vielleicht wären die Unterhaltungsromane mit ihren Lesern, die sich so leicht zerstreuen lassen, zufrieden. Aber die Krimis könnten ihre Verwunderung nicht verbergen, dass die Leute so viel Spaß an Gaunereien haben und davon nicht genug bekommen können. Preisgekrönte Romane würden sich beschweren, dass sie schon oft die ganze Nacht hindurch neben einem Bett lagen, weil der Leser eingeschlafen war. Die Klassiker würden sich entrüsten, dass man mit ihnen oft nicht viel mehr anzufangen weiß, als eine Bücherwand damit zu dekorieren. Und die Lyrik-Bände würden laut aufschreien, weil man ihnen beim Rezitieren jedes Mal von neuem wehe tut.
Vielleicht würden Bücher, wenn sie sich äußern könnten, darauf bestehen, dass jeder, der ein Buch benutzen möchte, seine Lese-Tauglichkeit durch einen Führerschein nachweist. Wahrscheinlich würden sie den Lesern den Vorwurf machen, dass sie es stets zu eilig haben und wie beim Joggen, von einem Satz zu einem anderen Satz springen, als ginge es darum, eine Strecke hinter sich zu bringen. Mit Sicherheit würden sie sich beschweren, dass man sie ständig missversteht und jedem raten, Wörter und Gedanken nicht hastig zu schlucken, sondern wie Früchte erst einmal in die Hand zu nehmen, sich an ihrem Anblick zu erfreuen, ehe er sie langsam im Mund zergehen lässt. Viele können nicht lesen und sollten es erst lernen, obwohl sie keine Analphabeten sind.

Walter Rupp, SJ