Bücherverbrennungen

Glaubensserie

16. JANUAR

Alle Bücherverbrennungen, die man bisher mit Hilfe fanatisierter Massen ins Szene setzte, und alle Versuche, die Kunstwerke unliebsamer Künstler und deren Gedankengut für immer auszurotten, haben häufig das Gegenteil erreicht, nämlich dass Kunstwerke, die man vielleicht nie beachtet hätte, und Autoren, die es vielleicht nie geworden wären, berühmt gemacht. Aber der Erfolg war immer nur von kurzer Dauer. Die verfemten Werke, die im Feuer zu Asche geworden waren, weckten bald nach ihrer wunderbaren Auferstehung fast immer ein besonderes Interesse. Man wollte wissen, was man an ihnen gefährlich, verabscheuungswürdig oder hassenswert fand? Und man wollte wissen, was für ein Mensch der Autor war und weshalb man an seinen Ideen Anstoß genommen hatte?
Es gelang wohl oft in der Geschichte, Menschen gegen Künstler und Ideen aufzuhetzen, aber nicht, Menschen, die um die Bedeutung dieser geschmähten Werke wussten, daran zu hindern, dass sie nach Wegen suchten, wie man sie für die Nachwelt retten kann. Größer als der Schaden, den die Bücherhinrichtungen angerichtet haben, war der Schaden, der entstand, wenn Kunstgegenstände und Bibliotheken von Soldaten, Revolutionären oder – wie zur Zeit der Säkularisation – von Bauern, die deren Wert nicht erkannten, als Beutegut verschleudert wurden. Man wird das, was einmal gedacht und in einem Kunstwerk festgehalten wurde, nie total ausradieren, total vergessen machen und die Spuren so verwischen können, dass nichts davon übrig bleibt. Was einmal war, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Gerade diese Einsicht, dass alles, was je gedacht und geschaffen wurde, weiterlebt und weiterwirkt, müsste uns antreiben, bei allem, was wir tun, verantwortungsbewusst zu handeln.

Walter Rupp, SJ