Erwartungen

Glaubensserie

16. JANUAR

Die Vielen, die von sich behaupten, sie fielen auf Gerüchte nicht herein, bringen es meist doch nicht fertig, überhaupt nicht hinzuhören, wenn einer ihnen wichtigtuerisch und ganz vertraulich mitteilt, was ihm aus einwandfreier Quelle und unter dem Siegel der Verschwiegenheit berichtet wurde. Sie sind dann ganz Ohr, wenn er ihnen mit unterdrückter Stimme und hinter vorgehaltener Hand zuflüstert: Ein Bekannter, den er nennen könnte, aber jetzt nicht nennen wolle, habe ihm versichert, dass ein Abgeordneter, dem man das nicht zugetraut hätte, in eine peinliche Angelegenheit verwickelt sei. - Dieser sparsame und nebulöse Hinweis reicht gewöhnlich aus, die Phantasie eines jeden Gesprächspartners zu üppigen Spekulationen anzuregen.
Niemand kann Gerüchte hindern, wohin sie wollen zu gelangen und sich mit einem Heer von unbezahlten Helfern an jedem beliebigen Ort der Welt bekannt zu machen. Für sie scheint es kein Hindernis zu geben, das unüberwindbar wäre, nicht einmal Schwerhörigkeit. Gelingt es ihnen nicht, die bewährten Nachrichtenkanäle zu umgehen, dann versuchen sie, sich in die Redaktionen 'kritischer' Journalisten einzunisten, und werden dort sicher nicht entdeckt.
Auf wie verschlungenen und undurchsichtigen Wegen uns Gerüchte auch erreichen, wie verschwommen, vieldeutig oder unbegründet sie auch sind, sie kennen sich in der menschlichen Psyche aus und wissen, wie man auch bei den nüchternen Naturen Neugier weckt. Weil sie sich bescheiden geben und so tun, als wäre es ihnen peinlich, wenn man auf sie aufmerksam macht, schenkt man ihnen überall Vertrauen.
Das Fatale ist, dass es sich kaum einer leisten kann, Gerüchte ganz zu ignorieren. Denn wie häufig konnten sie Triumphe feiern! Wie oft behielten sie trotz feierlicher Schwüre, dass dem nicht so sei, trotz hartnäckiger Dementis recht! Gerüchte sind merkwürdige Gebilde, in denen Wahrheit, Halbwahrheit, Vermutung und Verleumdung miteinander so eng verschlungen sind, dass kaum einer in der Lage ist, das alles säuberlich zu trennen. Man nimmt sie deshalb, wie sie sind.

Walter Rupp, SJ