Gesetz und Recht

Glaubensserie

16. JANUAR

Gesetze müssen sein, damit das Zusammenleben in einer Gesellschaft reibungsloser vonstattengehen kann. Man sollte sie jedoch nicht überschätzen. Denn mit Verordnungen, Strafandrohungen und Gerichtsurteilen lässt sich das Unrecht nicht aus der Welt vertreiben. Wurde die Gesellschaft humaner und gerechter, seitdem man die Streitfälle nicht mehr im Duell, sondern mit Hilfe von Rechtsanwälten schlichtet? Die Gerechtigkeit besteht oft in einem Vergleich, bei der Kläger wie der Beklagten, für die Beilegung des Rechtsstreites gleich hohe Summen zahlen müssen. Man kann noch immer nicht verhindern, dass Missetäter mit Hilfe eines Rechtsbeistandes zu der Überzeugung gelangen, unschuldig zu sein und freigesprochen werden, oder ihre Haftstrafe nützen, Memoiren zu schreiben, die sie an die meist bietende Illustrierte verkaufen, sozusagen als Entschädigung für das Geld, das ihnen wegen ihres misslungenen Überfalls entgangen ist.
Die modernen Staaten brachten es bis heute auf circa drei Millionen Gesetze, sodass sich manchmal auch Juristen außerstande sehen, für ein Vergehen das Gesetz zu finden, das entweder für eine Verurteilung oder für einen Freispruch herangezogen werden kann. Bei so vielen Anweisungen, Vorschriften und Gesetzen besteht die Gefahr, dass der Bewegungsspielraum des einzelnen kleiner wird und er sich, in Vorschriften eingezwängt, schließlich unfrei fühlt. Mit dem Anwachsen der Gesetze wuchs die Zahl der Rechtsbeistände, die ihre Aufgabe nicht nur darin sehen, Streitfälle zu schlichten, sondern auch - um leben zu können - immer neue zu entdecken. Das Prozessieren wurde immer selbstverständlicher. Die Menschen unserer Zeit scheinen andere Wege, wie man Konflikte löst, nicht mehr zu kennen und nicht mehr zu wissen, dass alle Gesetze nutzlos sind, wenn das Gewissen schweigt und das Unrechtsbewusstsein schwindet.

Walter Rupp, SJ