Gespräche

Glaubensserie

31. JANUAR

Dialoge gelingen meist nur auf einer Bühne, weil Bühnenautoren von der falschen Voraussetzung ausgehen, dass die Menschen einander ausreden lassen. Aber wo lässt einer den anderen ausreden? Wo gibt es das Gespräch zwischen ihr und ihm, bei dem sie ihm oder er ihr nicht ins Wort fällt? Wo die Podiumsdiskussion, bei der jeder Diskussionsteilnehmer geduldig zuhört, ehe er antwortet? Und wo die Talkrunden, bei denen nicht zugleich drei reden? Wenn Diskussionsteilnehmer nur noch gierig darauf warten: wann komme ich endlich zu Wort, kann aus einem Dialog kein Meinungsaustausch werden. Dann wird den Zuhörern und Zuschauern nur noch ein Schmierentheater vorgeführt, das auf belustigende oder ärgerliche Weise demonstriert, wie man aneinander vorbeiredet; etwas, was gar nicht gesagt wurde, widerlegt; und das, was unmissverständlich geäußert wurde, ignoriert oder missversteht.
Dieses Ins-Wort-Fallen geschieht doch aus der Angst heraus, der andere könnte mich überzeugen, wenn ich ihn nicht stoppe. Und häufig aus einem Überheblichkeits-Gefühl heraus: Was kann ein anderer mir sagen, was ich nicht schon weiß? Für den Dialog wären zwei Verkehrsregeln angebracht! Das Stoppschild, das verbietet: dass man dem, der spricht, die Vorfahrt nimmt, und die Geschwindigkeitsbeschränkung, die jedem untersagt, schneller zu reden als er denken kann.

Walter Rupp, SJ