Selbstbeherrschung

Glaubensserie

Wären wir bloß so ausgeglichen, wie wir uns gern geben!

Wären wir bloß so ausgeglichen, wie wir uns gern geben! In Wahrheit trägt jeder so seine Kollektion an Emotionen und Aggressionen, ja sogar einen Hang zur Grausamkeit mit sich herum. Bevorzugen nicht schon Kinder Tötungsspiele? Warum sucht der Teenager vor allem Orte auf, wo man toben kann, und wo ihn heiße Rhythmen stimulieren? Und warum sind Erwachsene nicht weniger als Halbwüchsige auf Krimis scharf, in denen es gruselig zugeht? Wir Zivilisierten sind eben auch nur mühsam domestizierte „Wilde“ und haben mit unseren Gefühlen Mühe, dass sie uns nicht überwältigen und unkontrolliert ausbrechen.
Der Steinzeitmensch konnte sich, sooft er dazu Lust verspürte, Wutanfälle leisten. Um ihn herum war Platz, er störte niemand. Wir „Spät-Neandertaler“ aber müssen uns in unseren Großraumbüros zusammennehmen, um daneben sitzende Mitarbeiter nicht zu stören und in unseren hellhörigen Neubauwohnungen der Nachbarn wegen sogar das Klavierspiel oder Husten unterdrücken.
Wie kann der zivilisierte Mensch, der sich stets diszipliniert verhalten muss und sich nie gehen lassen darf, seine Unlustgefühle abschütteln? Wie kann er verhindern, dass sich sein Gefühlsstau wie ein Vulkanausbruch entlädt?
In unseren Regionen gibt es die Palmen, auf die Urwaldbewohner nach einem Ärger steigen können, nicht, wir müssen zu anderen Mitteln greifen. In Entspannungsübungen lassen sich Verkrampfungen lösen. Bei sportlicher Betätigung kann man Dampf ablassen und in Gesprächen sein seelisches Gleichgewicht zurückgewinnen. Das Engagement für eine gute Sache dürfte jedoch das wirksamste Mittel sein, weil es hilft, dass Aggressionen nicht in einem Wutanfall sinnlos verpuffen, sondern in nützliche Energie verwandelt werden.

Walter Rupp, SJ