Aussprüche

Glaubensserie

Was dachte sich der weise Sokrates, als er den Ausspruch tat:

„Heiratest du, wirst du es bereuen, und heiratest du nicht, wirst du es ebenfalls bereuen“? Sprach er über seine Ehe mit Xantippe, die ein zänkisches Weib gewesen sein soll? Oder meinte er alle Ehen? Man sollte doch annehmen, dass es auch damals wenigstens die eine oder andere glückliche Ehe gab. 

Da der weise Sokrates nicht erläuterte, wie er zu dieser Ansicht kam, ist es uns Späteren erlaubt, dass wir uns darüber Gedanken machen, was er gemeint haben könnte. Glaubte er wirklich, dass Entscheidungen, für die man ein Leben lang einstehen kann, nicht möglich sind? Oder wollte er gar die Menschheit vor der Torheit warnen, Ehen einzugehen und zugleich davor, ehelos zu bleiben? Aber dieses Entweder -Oder lässt sich nicht umgehen. Eine dritte Möglichkeit gibt es noch immer nicht, es sei denn, man versteht darunter den listigen Versuch - den es damals noch nicht gab - so mit einem Partner zusammen zu leben, dass man sein Single-Dasein nicht aufgeben muss, als Alternative. Der Mensch muss sich entscheiden, seine Natur drängt ihn zur Entscheidung und die Vernunft hat dagegen auch nichts einzuwenden.

Da Sokrates am liebsten Fragen stellte und nicht gern Antworten gab, wäre es verwunderlich, wenn er der Menschheit den Ratschlag hätte erteilen wollen, weder das Heiraten noch die Ehelosigkeit zu wählen, als hätte er nicht gewusst, dass es daneben keine Alternative gibt. Er hatte überhaupt nichts gegen Ehen. Er hatte vielmehr etwas gegen die naive und blauäugige Meinung, man könne Entscheidungen treffen, bei denen kein Zweifel aufkommt, ob man richtig entschieden hat. Welche Entscheidung einer auch trifft, er wird immer von der Frage belästigt werden: ob eine andere Entscheidung nicht besser gewesen wäre, und mich vielleicht zufriedener und glücklicher gemacht hätte.

Walter Rupp, SJ