Plagiate

Glaubensserie

Wann wird ein Plagiat ein Plagiat?

Wie viele Anführungszeichen muss man weggelassen, wie viele Quellenangaben unterschlagen, und wie viele Gedanken und Ideen entwendet haben, um ein Plagiator zu sein? Und wie soll man die heute vor allem bei unseren Volksvertretern üblich gewordene Praxis nennen, das Wissen, das ihnen ein Ghostwriter oder Staatssekretär ins Manuskript geschrieben hat, als eigenes Wissen auszugeben? Wie die von manchen Professoren angewandte Praxis bezeichnen, die Vorarbeiten von Studenten für die eigenen Publikationen heranzuziehen, ohne deren Mitarbeit zu erwähnen? Und wie die Praxis, die Sendeanstalten gelegentlich anwenden, einem Autor das Drehbuch oder Treatment als nicht geeignet zurückzuschicken, aber dessen Stoff in veränderter Form zu gebrauchen? Und was ist mit den vielen Vortragsrednern, deren Vortrag oft nur aus abgekupferten Weisheiten besteht?
Der Plagiator gerät, weil er den Eindruck hat, man erwarte von ihm etwas, was er nicht geben kann, in eine Zwangssituation. Er möchte kreativ sein und weiß, dass er das Zeug dazu nicht hat. Weil er an Phantasielosigkeit und geistiger Erstarrung leidet, sich aber mit diesem Mangel nicht abfinden will, kopiert er die Gedanken anderer. Aus einer Not heraus wird er zum Dieb, allerdings nimmt er seine Beute nicht unverändert mit, er versucht, sie unkenntlich zu machen. Oft sind Plagiatoren so einfallslos, dass sie sich selbst plagiieren, indem sie das, was sie immer dachten, nur wiederholen, und als Neuigkeit verkünden.


Walter Rupp, SJ