Hofnarren

Glaubensserie

"Die Fürsten hätten sich und ihren Völkern viel Unglück erspart", meint Ludwig Börne, "wenn sie die Hofnarren nicht abgeschafft hätten."



  Hofnarren können Unheil verhindern, wenn sie keine Tölpel sind und ihren Herren nicht mit albernen Späßen die Zeit vertreiben, sondern sich darauf verstehen, Torheiten zu demaskieren und den Zeitgenossen zeigen, wo Narren am Werk sind. Die Völker brauchen kluge Narren, die durch ihre karikierenden Übertreibungen auf das Unsinnige aufmerksam machen, das sich unbemerkt ausbreitet; die den Leuten den Spiegel so geschickt vorhalten, dass sie sich selbst in ihrer Lächerlichkeit erkennen.
Moderne Staaten bemühen sich, ohne Narren auszukommen. Sie setzen ihren Ehrgeiz darein, das Volk mit vernünftigen Beamten und sachverständigen Experten zu regieren. Sie sind überzeugt, dass dann etwas Unsinniges nicht aufkommen kann. Aber nur selten lassen sich Torheiten mit Vernunft austreiben und häufig muss man auch die Vernünftigen vor Torheiten schützen. In den Demokratien versucht man Unheil zu verhindern, indem man der herrschenden Partei, eine Opposition entgegenstellt, in der Hoffnung, dass sie das Unvernünftige korrigiert. Die Sache will jedoch nicht so recht gelingen, solange es in der Politik immer um das Machtausüben und das Regieren-Dürfen geht.
Warum schafft man in den Demokratien keine Arbeitsplätze für Hofnarren? Unter den Kommentatoren, Moderatoren, Schriftstellern oder Theatermachern, die so gern den Lehrer und Erzieher der unaufgeklärten Masse spielen, müssten doch begabte Narren zu finden sein, die die Narren-Rolle übernehmen: unabhängige Geister, die über den Trends und Moden stehen; die nicht auf das schielen, was ankommt oder sich gut verkaufen lässt, sondern sich die Freiheit nehmen, das auszusprechen, was sonst niemand auszusprechen wagt, auch wenn man sie verlacht.

Walter Rupp, SJ