Langsamkeit

Glaubensserie

Wir heute Lebenden sollten uns um die Entdeckung der Langsamkeit bemühen,

da wir unser Leben so beschleunigt haben, als ginge es darum, es möglichst schnell hinter uns zu bringen. Alles um uns herum bewegt sich hektisch. Die Medien tun das Ihre, die Ereignisse sofort, nahezu zeitgleich zu berichten und nehmen sich oft nicht die Zeit, das, was sie berichten sorgfältig zu sichten. Und so erhalten wir meist nur aneinander gereihte Augenblickseindrücke.
Schnelligkeit hat einen Nachteil: sie behindert das Erkennen. Bei Tempo 100 ist die Betrachtung einer Landschaft ausgeschlossen, weil man alle Aufmerksamkeit auf das Lenkrad richten muss. Es macht nur der Entdeckungen, der die Geschwindigkeit drosselt, ja sich zuweilen zwingt, auch länger anzuhalten. Das gilt gleicher Weise für die Wissenschaft, die Kunst, die Religion. Entdeckungen drängen sich nicht auf, ihnen gehen jahrelange Forschungen voraus. Literarische Werke entstehen nicht über Nacht, da muss ein Künstler oft Jahre mit Ideen schwanger gehen. Und der Weg zum Glauben war schon bei den Jüngern Jesu ein mühsamer Prozess. So paradox es klingt: Voran kommt nur, wer entschleunigt. Thomas Bernhard nennt die Übereilung eine der schlimmsten Verrücktheiten dieser Welt. Nichts wird abgewartet. Der Kluge hält sich an den Rat des Jakobusbriefes: „Jeder soll schnell sein im Hören, langsam im Reden, und langsam zum Zorn“. Denn dem, der sich Zeit nimmt, unterlaufen weniger Fehler.


Walter Rupp, SJ