Unterlassungen

Glaubensserie

Unser Wortschatz und unsere Gedankenwelt müssen ständig erneuert und bereichert werden

Wir können auch von der chinesischen Weisheit lernen, denn uralte Weisheiten altern nicht. „Wer drei Tage“, heißt es da, „kein Buch gelesen hat, dessen Worte werden seicht.“ Unser Wortschatz und unsere Gedankenwelt müssen ständig erneuert und bereichert werden, wenn sie - bei dem ungeheuren Wortverschleiß und dem hektischen Denken, das wir uns heute leisten - nicht austrocknen sollen.

Aber mit welcher Lektüre lässt sich dieses Austrocknen verhindern? Die Zeitungen mit ihren hastig zusammen getragenen und sich über-stürzenden Tagesereignissen, schaffen das nicht. Es schaffen vielleicht die Bücher, wenn sie Gedanken und Empfindungen in uns wecken und eine Tür öffnen, durch die wir aus der Enge des Alltags ausbrechen können und zu dem, was uns einengt, Distanz gewinnen. Das Lesen kann dazu anregen, einmal nicht nur die Gedanken zu denken, die wir immer denken, und über das zu reden, worüber jeder redet, sondern unseren Horizont zu erweitern, und uns zwingen, mit neuen und mit anderen Augen in die Welt zu sehen.

Was für das Lesen gilt, gilt auch für andere Bereiche. „Wer drei Tage kein Gespräch geführt hat, – ein Gespräch und nicht bloß einen Wortaustausch - der läuft Gefahr, dass sein Kontakt zu den Mit-menschen verflacht. Und wer drei Tage lang sein Gewissen nicht prüft, dessen Gewissen läuft Gefahr, stumpf zu werden. Was immer wir Menschen empfinden, denken oder tun, bedarf der Pflege, damit es nicht verkümmert oder gar eingeht.


Walter Rupp, SJ