Nächstenliebe

Glaubensserie

Die Forderung der Nächstenliebe ist realistisch

Die Bibel fordert nicht, dass der Mensch den Menschen aus ganzer Seele und mit allen seinen Kräften - so wie Gott - lieben soll. Das wäre eine Überforderung und vor allem für den lästig, der ertragen müsste, dass jeder ihn mit Liebe überschüttet. Die Forderung der Nächstenliebe ist realistisch wie es realistischer nicht möglich ist: Jeder soll jeden lieben wie sich selbst!“ 

Aber wie sieht die Selbstliebe aus? Wie lieben wir uns selbst? So unauffällig und so selbstverständlich, dass wir Mühe hätten, die Frage zu beantworten: „Wie hast Du dich heute wieder geliebt?“ Natürlich wird sich kaum jemand vor den Spiegel stellen, um sich zu umarmen und zu küssen. Aber wir alle lassen uns pausenlos und ohne darauf zu achten, Wohltaten zukommen. Jeder ist in jedem Augenblick darauf bedacht, das zu tun, von dem er meint, dass es seinem Wohle dient. Was immer wir denken, fühlen oder tun, ist ganz darauf ausgerichtet. Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der wir das eigene Wohl verfolgen, sollten wir auch das Wohl des anderen im Auge haben.

Das bedeutet nicht, dass jeder zu jedem die gleiche oder gar eine freundschaftliche Beziehung haben muss. Manchmal ist es besser, Distanz zu wahren. Der Apostel Paulus fand es angebracht, mit Barnabas, um Konflikten auszuweichen, nicht mehr auf Missionsreisen zu gehen. Aber es darf nicht so weit kommen, dass einer einem anderen sein Wohlwollen entzieht.

Nur wer sich selbst angenommen hat, kann andere annehmen. Wer sich selbst nicht mag, wird dazu nicht imstande sein.


Walter Rupp, SJ