Menschenbild

Glaubensserie

Kaum einer ist noch von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen überzeugt.

Noch immer weiß der Mensch - trotz einer hoch entwickelten Psychologie - nicht viel vom Menschen. Chemiker sehen ihn als ein Produkt aus einem Dutzend Chemikalien; Biologen - wegen seiner verkümmerten Instinkte – als das hilfloseste aller Lebewesen; und die Nationalökonomen schätzen sein Werteschaffen im Laufe seines Lebens - abzüglich der hohen Aufzuchtkosten – auf circa 100.000 Euro. 

Für die Philosophen ist der Mensch ‘weder Tier noch Engel’; das einzige Wesen mit der Fähigkeit zu lachen, oder ein ‘durch Geist wahnsinnig gewordener Raubaffe’. Mancher postmoderne Denker meint, dass eine Neuschöpfung für Gott leichter sei als der Versuch, den Menschen von seinen Mängeln zu befreien. 

Die modernen Romane kennen den Helden, der das Leben gegen alle Widerstände meistert, nicht mehr, nur den Schlafzimmerhelden, der mit seinen Amouren protzt, und in den modernen Medien ist der Mensch ein Schuft, der etwas zu verbergen hat. Spötter sehen im Menschen das Wirbeltier mit dem biegsamsten Rückgrat, das genügsamste Lebewesen, das ein Leben lang mit nur wenigen Gedanken auskommt. Aber die Politiker schätzen ihn, weil er sich als Wählerstimme vorzüglich eignet.

Kaum einer ist noch von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen überzeugt. Dieses Bild wurde ausgetauscht gegen das Bild vom mühsam domestizierten Wilden, dem es noch immer nicht gelingen will, seine animalischen Züge abzustreifen.


Walter Rupp, SJ