Begabung

Glaubensserie

Wenn Politiker heute von der Förderung der Hochbegabten sprechen und davon, sie ins Land zu holen, ist wohl die Frage angebracht, woran denn die Hochbegabten zu erkennen sind.

Wenn Politiker heute von der Förderung der Hochbegabten sprechen und davon, sie ins Land zu holen, ist wohl die Frage angebracht, woran denn die Hochbegabten zu erkennen sind. Die Zeugnisse, die sie mitbringen oder der Eindruck, den sie hinterlassen, reichen allein nicht aus, und die sicheren Kriterien für Begabung gibt es noch immer nicht, sie müssen erst gefunden werden. 

1723 wurde Johann Sebastian Bach vom Rat der Stadt Leipzig mit der Begründung angestellt: „Da man die Besten nicht bekomme, müsse man Mittlere nehmen.“ Die Ratsherren glaubten einen mittelmäßigen Musiker anzustellen und bekamen den genialsten Musiker seiner Zeit. Eugène Ionesco fand bei seinen ersten Bühnenstücken keinen Anklang, sie wurden von nur wenigen Zuschauern besucht. Edison, der nie wieder eine Schule besuchte, weil ihn ein Lehrer einen Hohlkopf genannt hatte, wurde mit seinen zweieinhalbtausend Patenten einer der erfolgreichsten Erfinder. Und Schopenhauer hatte große Mühe, als er sein Werk: ‘Welt als Wille und Vorstellung’ veröffentlichen wollte, einen Verlag zu finden, der wenigstens bereit war, eine kleine Auflage zu drucken. Die Veröffentlichung selbst wurde schlecht beurteilt.

Häufig wurden bedeutende Wissenschaftler, Künstler und Erfinder spät oder zu ihren Lebzeiten nie erkannt. Man könnte eine Geschichte der Fehleinschätzungen schreiben. An die einen werden hohe Erwartungen gestellt, aber sie enttäuschen, weil ihnen die Begabung fehlt. Und andere bringen Leistungen, die man ihnen nie zugetraut hätte. Begabungen sind eben wertlos, wenn einer sie nicht pflegt und etwas daraus zu machen versteht. Der beste Test für die Begabung ist noch immer die Bewährung im Alltag: dass einer die Gelegenheit erhält, zu zeigen, was er kann.


P. Walter Rupp, SJ