Leben

Glaubensserie

Der Mensch ist lebenshungrig.

Der Mensch ist lebenshungrig. Er mag ein noch so erfülltes Leben gehabt haben und noch so alt geworden sein, er möchte immer noch älter werden, und nicht - wie das in der Bibel von den alten Patriarchen berichtet wird - alt und lebenssatt sterben. Wer will sich schon mit der Tatsache abfinden, dass alles, auch er, einmal ein Ende hat? Keiner kommt deshalb umhin, die Frage nach dem Danach zu stellen: ob dann, wenn er von der Welt abtritt, wirklich und endgültig Schluss ist, oder ob und wie es weitergeht. 

Wenn es eine Seelenwanderung gäbe, meint Friedrich Hebbel, könnte ein Dieb ehemals Herr der Sachen gewesen sein, die er jetzt stiehlt. Man kann hinzufügen: Dann wäre es auch möglich, dass ein Hund als Herr mit seinem Herrn als Hund spazieren geht. Und wer nur erwartet, dass das Weiterleben nichts weiter ist als eine Fortsetzung des bisherigen Lebens, wird befürchten, dass sich dann am Tag der Auferstehung die Menschheit wegen der Eigentums- und Platzverteilung auf der Erde Sorgen machen muss.

„Wenn alles zum Untergang bestimmt wäre“, meint Victor Hugo, dann würde Gott sich nicht einmal mit einem anständigen Menschen vergleichen lassen.“ Mit anderen Worten: Er hätte sich die Schöpfung ersparen können, ja, es wäre eine Grausamkeit, wenn er von vornherein die Absicht gehabt hätte, sie wieder zu vernichten, nachdem sie sich entfaltet hat. 

Das Leben, das wir jetzt leben, gleicht wohl einem embryonalen Zustand. Wir sind noch nicht geboren, stellen aber schon die Weichen für das Kommende. Sieht man es so, erhält es eine ungeheure Bedeutung, dann erschrickt man über die Verantwortung, die jeder jetzt schon hat: dass er schon jetzt die Gestalt bestimmt, die er einmal für immer erhalten soll.


P. Walter Rupp, SJ