Charakter

Glaubensserie

Unter dem Begriff Charakter, den die alten Griechen für das Gepräge einer Münze gebrauchten, verstehen wir heute die Eigenart einer Persönlichkeit.

Unter dem Begriff Charakter, den die alten Griechen für das Gepräge einer Münze gebrauchten, verstehen wir heute die Eigenart einer Persönlichkeit. Auch eine Persönlichkeit sollte geprägt sein wie eine Münze und so wie sie etwas Unverwechselbares an sich haben. 

Einmal glaubte man zu wissen, dass es vier Charaktere gibt: den Melancholiker, den Sanguiniker, den Choleriker und den Phlegmatiker. Der berühmte Psychiater Ernst Kretschmer, der den Zusammenhang zwischen Konstitution und Charakter nachweisen konnte, versuchte die verschiedenen Charaktere in einer anderen Typengliederung zusammenzufassen: in geschwätzig Heitere, in stille Gemütsmenschen, in tatkräftige Praktiker, in vornehm Feinsinnige, in weltfremde Idealisten oder kühle Herrennaturen. Aber bei genauem Hinsehen kann man doch entdecken, dass wohl jeder Mensch von jeder dieser Charaktereigenschaften etwas hat. Jede Typenlehre muss letztlich vor der Vielfalt menschlicher Exemplare kapitulieren. 

Der Mensch lässt sich nicht katalogisieren und in eine Typologie einordnen. Keiner kann sich sicher sein, ob der, dem er sein Vertrauen schenkt, ihn nicht enttäuscht, und der, dem er etwas nie zugetraut hätte, ihn überrascht. Jeder Mensch bleibt ein Geheimnis und damit für den anderen undurchschaubar. Es sollte sich deshalb niemand rühmen, ein Menschenkenner zu sein. Was zu erkennen ist, ist immer nur seine Unberechenbarkeit.


P. Walter Rupp, SJ