Gesten

Glaubensserie

Gesten machen Worte erst verständlich oder überflüssig.

Ein Gast spürt sofort, wo man ihn nur aufnimmt und wo man ihn nur duldet oder wo er willkommen ist. Er sieht es dem Zimmer an, wie es gerichtet wurde, und dem Gesichtsausdruck, mit dem ihn der Gastgeber empfängt. Weil in einer Geste oft mehr Aussagekraft steckt als in einem Wort, sollte man mehr auf diese äußeren Zeichen achten, denn sie verraten die Gesinnung. 

Gesten machen Worte erst verständlich oder überflüssig. Tippt jemand an die Stirn, ist wohl klar, was er von einer Aussage oder einer Person hält. Erhebt er warnend einen Finger, wird das überall als Warnsignal oder Drohgebärde ausgelegt. Verbeugt sich jemand vor einem anderen, bringt er damit seine Ergebenheit zum Ausdruck. Runzelt einer seine Stirn, wird es höchste Zeit, sich vorsichtiger zu verhalten. Blickt jemand über den anderen hinweg, drückt er damit seine Verachtung aus. Und wenn er ihn umarmt und küsst, bekundet er damit, dass er eine enge Beziehung zu ihm hat oder zu ihm haben möchte. 

Leider ist es möglich, auch Gesten zu missbrauchen. Man kann Hochachtung, Herzlichkeit oder Bewunderung vortäuschen. Gerade den Diktatoren, den großen Menschenverächtern, ist es oft gelungen, mit dem Tätscheln von Kinderwangen Kinderliebe vorzutäuschen und sich als Menschenfreunde darzustellen. Leider können auch Gesten, wie die Worte, lügen. Aber doch nur, wenn einer versäumt, seinen Blick für falsche Gesten zu schärfen.


P. Walter Rupp, SJ