Lektor

Glaubensserie

Vorlesen wurde selten, weil es weithin als überflüssig gilt.

Vorlesen wurde selten, weil es weithin als überflüssig gilt. Man liest noch vor bei Autorenlesungen und bei den Gottesdiensten in der Kirche. Sonst liest man nur dem vor, der alt und krank geworden ist, dem Analphabeten oder dem, der an einer Augenkrankheit leidet. Aber nicht dem, der Lesen kann. 

Die Schulen geben sich damit zufrieden, Kindern das Lesen beizubringen. Das Vorlesen lehren sie nicht. Und Eltern lesen ihren Kindern nur solange vor, solange sie nicht lesen können. Aber warum hören sie dann auf und lassen sich nicht von ihren Kindern, die nun des Lesens kundig sind, vorlesen? So würden sie ihren Kindern näher kommen und über ihre Kinder mehr erfahren: Was sie beim Lesen eines Textes denken und empfinden, und wie sie ihn verstanden haben. Denn wer vorliest, gibt immer auch Einblick in seine Innenwelt. Und wer sich vorlesen lässt, erhält Gelegenheit, mit dem Vorleser in ein Gespräch zu kommen.

Vorlesen ist mehr als Lesen. Der Vorleser nimmt den Hörer an die Hand und führt ihn durch einen unbekannten Text, um ihm das Verstehen zu erleichtern. Er muss den Worten Farbe geben und aus den Sätzen herausholen, was an Stimmungen, Erwartungen, Illusionen oder Träumen in ihnen steckt. Vor allem muss er die Personen, die da reden oder handeln, mit ihren Vorzügen oder Schwächen so präsentieren, als wären sie gegenwärtig. Das wird ihm jedoch nur gelingen, wenn er sich den Text so zu Eigen gemacht hat, als hätte er ihn selbst geschrieben.


P. Walter Rupp, SJ