Religiosität

Glaubensserie

Ein neuer Typ Mensch ist aufgetreten: der nicht Christ sein will und nicht Heide sein kann.

Ein neuer Typ Mensch ist aufgetreten: der nicht Christ sein will und nicht Heide sein kann. Aber merkwürdiger Weise schafft es kaum einer, ein voller Heide zu sein. Denn die Natur gibt jedem ein religiöses Gen mit, das sich nicht einfach abschütteln oder ausreißen lässt. Es zwingt ihn, sich mit Gott und mit der religiösen Frage zu beschäftigen. So wie Nietzsche, der Gott für tot erklärte, sich zeitlebens an ihm reiben musste, kommt auch der Atheist, mag er auch glauben, dieses Kapitel abgeschlossen zu haben, von Gott nicht los. 

Der Kirchenlehrers Tertullian, der im 2. Jahrhundert nach Christus lebte, lehnte die Kinder-Taufe ab, weil er der Meinung war, dass die menschliche Seele von Natur christlich ist. Die Furcht, dass Nicht-Getaufte verloren gehen, die in späteren Jahrhunderten zu einer pastoralen Hektik und zu den schnellen Taufen führte, hatte er nicht. Er war der Überzeugung, dass der christliche Kern, der in jedem steckt, zur Entfaltung drängt, wenn sich einer nicht mit Macht dagegen stemmt. 

Die Religion ist kein Luxusartikel. Sie ist so unentbehrlich wie Bildung und Kultur, wenn das Leben nicht verarmen soll, und so notwendig wie die Nahrung, damit die Seele nicht verkümmert. Wer auf Dauer Gott zu ignorieren und in der Gottferne zu leben sucht, kämpft gegen sich selbst. Denn der Mensch ist – oft ohne es zu wissen - von Natur aus ein anonymer Christ. Allerdings bleibt er auch immer – trotz Taufe - ein kleiner Heide, der sich zeitlebens gegen seine Bekehrung wehrt.


P. Walter Rupp, SJ