Krates

Glaubensserie

Verglichen mit den diplomierten und graduierten Psychologen unserer Zeit, war Krates ein Dilettant.

Krates von Theben (um 360-280 v.Chr.) hatte eines Tages seinen Reichtum satt. Ihn trieb es plötzlich, alles zu verschenken. Er wollte frei sein und etwas Sinnvolles tun. So nahm er einen Bettlerstab und zog von Haus zu Haus, um als Seelenarzt zu wirken. Was seine Heilmethoden angeht, tappen wir im Dunkeln. Aber es ist anzunehmen, dass er als wandernder Psychotherapeut wohl kaum die Zeit zu langen Analysen hatte und seine Patienten meist nur kurz und unter der Wohnungstür behandelte. Die Leute brauchten sich nicht erst auf die Couch zu legen, wenn sie einen Rat begehrten. Er ließ sich keine Kindheitserlebnisse, keine Pubertätsprobleme, keine Träume erzählen und spürte auch der Lebensgeschichte der einzelnen wohl kaum nach. 

Verglichen mit den diplomierten und graduierten Psychologen unserer Zeit, war Krates ein Dilettant. Psychologische Fachliteratur stand ihm nicht zur Verfügung. Er kannte weder Freud noch Jung noch Adler, er hatte nie etwas gehört von Ausdruckskunde oder psychischer Hygiene. Vielleicht konnte er nicht einmal unterscheiden zwischen Neurosen und Psychosen, und mit Traumanalysen oder Tests wusste er mit Sicherheit nicht umzugehen. War er deshalb ein Scharlatan, ein Stümper? - Dieser Krates hat getan, worauf es ankommt: Er ging auf die Menschen zu und hörte sie an. Es wäre verwunderlich, wenn er, der die Geduld aufbrachte, die Nöte und Sorgen der Leute anzuhören, keine Heilerfolge gehabt hätte!


P. Walter Rupp, SJ