Leib - Seele

Glaubensserie

Der Mensch wird sich wohl nie von dem Gefühl befreien können, dass sein Leib und seine Seele nicht so recht zusammenpassen

Der Mensch wird sich wohl nie von dem Gefühl befreien können, dass sein Leib und seine Seele nicht so recht zusammenpassen und dass die beiden Seelen in seiner Brust ihn zu einem schizophrenen, gespaltenen Wesen machen. 

Der moderne Mensch, der gewiss nicht materie- und leibfeindlich eingestellt ist und sich vom manichäischen Denken lösen konnte, konnte sich jedoch nicht von der das ganze Altertum beherrschenden Vorstellung lösen, dass die Seele in den Leib wie ein Gefangener in ein Gefängnis verbannt wurde. Er versteht den Tod als Stunde der Befreiung für die Seele, die dann endlich den lästigen Leib, der ihm während seines Lebens viele Mühen bereitete, abstoßen kann. Er stellt sich vor, dass er dann als ein rein geistiges und leibloses Wesen weiterexistieren darf. 

Aber wie sehr der Mensch auch unter seiner Zwiespältigkeit leidet und das Empfinden hat, er sei kein harmonisches, sondern ein mühsam zusammengeflicktes Geschöpf, Leib und Seele sind eine Einheit. Gott liefert nicht, sooft Menschen neues Leben zeugen, die dazugehörige Seele, die er auf einer Seelenbank bereitgehalten hat. Er stopft sie nicht nach der Zeugung in einen Embryo hinein. Die Seele ist von Anfang an in der menschlichen Zelle und wächst mit ihr. 

Leib und Seele sind so sehr aufeinander angewiesen, dass die Seele nicht ohne Leib und der Leib nicht ohne Seele sein kann. Er ist das Instrument der Seele. Sie braucht ihn, damit sie denken und empfinden kann, so wie der Musiker ein Instrument braucht, wenn er musizieren will. Der tierische Organismus wäre für sie unbrauchbar. Sie braucht den menschlichen Leib, der all das hat, was sie benötigt: Gehirn und Sprachwerkzeuge, damit sie sich entfalten kann. 


P. Walter Rupp, SJ