Zynismus

Glaubensserie

Wie kann ein Gefühlskalter seine Empfindungsfähigkeit zurückgewinnen?

Ein Zyniker ist ein schamloser, frecher Mensch, der auf den Gefühlen seiner Mitmenschen rücksichtslos herumtrampelt. Ein Zyniker will verletzen, er hat etwas Sadistisches an sich. Ein Zyniker - meint Oscar Wilde – ist einer, „der von allem den Preis, und von nichts den Wert kennt". Es kam ihm irgendwann in seinem Leben der Respekt abhanden und die Ehrfurcht vor dem, was einem anderen heilig ist. Aber auch ein Zyniker kommt nicht ohne Gefühle auf die Welt. Wenn davon nichts mehr übrig geblieben ist, dann hat er Gefühle nie geschätzt, sie nie gepflegt und kultiviert und gewaltsam abgewürgt. Zynismus entsteht gewöhnlich, wenn man heiße Gefühle kalt duscht, wenn man die schockierende Erfahrung macht, dass Gefühle oft nicht erwidert, häufig missdeutet und missbraucht werden und oft nur schwer zu kontrollieren sind. Negative Erlebnisse mit den Gefühlen können dazu verleiten, Gefühlsregungen zu unterdrücken, und so zum Stoiker wird. 

Wie kann ein Gefühlskalter seine Empfindungsfähigkeit zurückgewinnen? Wie das Mitleiden- und Mitempfinden wieder lernen? Es reicht nicht aus, dass er seine erkalteten Gefühle in ein heißes Bad steckt, sich dem Nervenkitzel aussetzt, Stimmung sucht und sich von heißen Rhythmen stimulieren lässt? Die verlorene Leidenschaft kann man nicht so leicht zurückgewinnen. 

Die vielen heute, die das Coolsein als die höchste aller Tugenden ansehen und alles daran setzen, in jeder Lebenslage cool zu sein, können damit vielleicht den Eindruck der Überlegenheit vortäuschen. Sie sollten begreifen, dass Coolsein Unempfindlichkeit und Apathie bedeutet, und kein Vorzug, sondern eine Schwäche ist. Der Mensch kommt nun einmal, weil er kein lebloses Wesen ist, ohne Temperatur nicht aus.


P. Walter Rupp, SJ