Begabungen

Glaubensserie

Man mag das als ungerecht empfinden, dass die Natur Talente ungleich verteilt

Man mag das als ungerecht empfinden, dass die Natur Talente ungleich verteilt: die einen reich beschenkt, andere dagegen kärglich ausstattet. Jeder hat sich damit abzufinden, wie viel sie jedem davon geben will. Talente sind Geschenke, auf die niemand einen Anspruch hat.

Wie launenhaft dieses Verteilen der Talente auch erscheinen mag, die Natur ist nie ungerecht. Sie geht nie so weit, dass sie dem einen gute, einem anderen schlechten Eigenschaften mitgibt. Die Eigenschaften, die sie mitgibt, sind weder gut noch schlecht. Klugheit ist gut, sofern man damit das Gute fördert, und nicht - des eigenen Vorteiles wegen - andere überlistet. Die Treue ist lobenswert, aber nur solange man nicht falschen Idealen dient. Ordnungsliebe ist gut, wenn man damit seine Kräfte bündelt und nicht den Bewegungsspielraum anderer einengt. Die Absicht macht eine Eigenschaft gut oder schlecht.

Eigenschaften gleichen den Farben eines Malkastens. Man malt nicht nur mit Rot, mit Blau oder Gelb. So wie man Farben mischen muss, um ein gefälliges Bild zu erhalten, muss man auch Eigenschaften mischen. Man kann nicht allein mit Klugheit oder mit Geduld sein Leben führen. Man die Eigenschaften zusammenknüpfen, die zueinander passen. 

Leider kommt es nicht selten vor, dass die Klugen, die mit dem Mut kooperieren sollten, sich mit der Feigheit zusammentun; dass die Tapferen, die dringend die Kritikfähigkeit bräuchten, sich von der Ungeduld zu kurzsichtigen Taten drängen lassen und die Dummen, die sich Faulheit leisten sollten, häufig fleißig sind. Da Eigenschaften aufeinander angewiesen sind, sich gegenseitig stützen, korrigieren und ergänzen, sollten wir aufmerksamer darauf achten, wer mit wem Umgang hat und welche Eigenschaft mit welcher Freundschaft schließt.


P. Walter Rupp, SJ